War der Osten gar nicht rückständig – sondern nur früher skeptisch?

Lange Zeit sollte der Osten so werden wie der Westen. Nun denkt der Westen plötzlich wie der Osten. Unser Autor beobachtet das aus Australien. Ein Gastbeitrag.

Logan Lamont | 10. September 2026 | OAZ

Der kleine Moritz mit seinem Spielzeug-Trabi auf dem Internationalen Trabantfahrer-Treffen in Zwickau.

Seit mehr als drei Jahrzehnten versucht Deutschland, den Osten zu erklären. Warum wird dort anders gewählt? Warum ist das Misstrauen gegenüber etablierten Parteien und Institutionen größer? Warum spielen Grenzen, nationale Souveränität und gesellschaftlicher Zusammenhalt eine stärkere Rolle? Und weshalb stößt progressive Politik dort häufiger auf Widerstand?

Die Erklärungen sind bekannt: Vierzig Jahre Sozialismus hätten Spuren hinterlassen. Die Wiedervereinigung habe wirtschaftliche Verwerfungen erzeugt. Ostdeutsche hätten weniger Erfahrung mit Einwanderung und kultureller Vielfalt.

Hinter vielen dieser Deutungen stand eine selten offen ausgesprochene Annahme: Mit genügend Zeit, Wohlstand und Generationenwechsel werde der Osten dem Westen allmählich ähnlicher werden.

Sechsunddreißig Jahre nach dem Fall der Mauer lohnt es sich, die Frage umzudrehen. Was, wenn manche als rückständig belächelte Haltungen nicht bloß Überreste der Vergangenheit sind, sondern Erfahrungen spiegeln, die der siegreiche Westen nach 1989 zu selbstgewiss ignorierte? Und was, wenn die Ostdeutschen bei manchen großen Fragen früher etwas sahen, das nun auch andere sehen?

Ich schreibe das nicht als Ostdeutscher, nicht einmal als Deutscher. Deshalb will ich Ostdeutschen nicht erklären, wer sie sind. Doch aus der Distanz fällt auf: Viele Positionen, für die Ostdeutsche und ihre mittel- und osteuropäischen Nachbarn lange als konservativ, nationalistisch oder schlicht altmodisch galten, rücken inzwischen ins Zentrum westlicher Politik.

Vielleicht klammerte sich der Osten nicht an die Vergangenheit. Vielleicht bewahrte er ein Gespür für Realitäten, von denen der Westen glaubte, er habe sie überwunden.

Die wichtigste Lektion von 1989

Der Fall der Berliner Mauer war für Ost und West nicht dasselbe Ereignis. Für Ostdeutsche bedeutete er Befreiung – aber auch den Zusammenbruch einer ganzen politischen und wirtschaftlichen Ordnung. Institutionen verschwanden, Betriebe schlossen, Berufsbiografien wurden entwertet.

Für den Westen bedeutete 1989 etwas anderes: Sieg. Der Westen lernte, dass sein System gewonnen hatte. Der Osten lernte, dass Systeme scheitern können.

Aus dem Kalten Krieg ging die liberale Demokratie mit enormem Selbstvertrauen hervor. Der Kommunismus war kollabiert, die Marktwirtschaft hatte gesiegt, Europas Integration schritt voran. Globalisierung versprach Wohlstand, Grenzen verloren scheinbar an Bedeutung, nationale Souveränität wirkte wie ein Relikt.

Francis Fukuyamas Formel vom „Ende der Geschichte“ traf die Stimmung. Der große ideologische Streit schien entschieden; liberale Demokratie erschien vielen als Ziel moderner Gesellschaften.

Menschen feiern die Deutsche Wiedervereinigung am 03. Oktober 1990.
© Thomas Imo/photothek.net

Mit wachsendem Wohlstand verschoben sich die Prioritäten. Der Politikwissenschaftler Ronald Inglehart beschrieb den Aufstieg postmaterieller Werte: Wo Arbeit, Wohnen und Sicherheit als gegeben gelten, rücken Umwelt, Identität und Selbstverwirklichung stärker in den Vordergrund. Der Fehler war, diese materiellen Voraussetzungen für dauerhaft zu halten.

Weniger Grund zur Selbstgewissheit

Viele Ostdeutsche hatten zwei radikal unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme erlebt. Sie hatten gesehen, wie Institutionen verschwinden, Fabriken schließen, Karrieren zerbrechen und Sicherheiten sich fast über Nacht auflösen können. Politische Sozialisation zählt: Erfahrung prägt, wie Menschen Autorität, Risiken und Versprechen über die Zukunft beurteilen.

Wer erlebt hat, wie eine vermeintlich dauerhafte Ordnung zusammenbricht, ist womöglich weniger beeindruckt, wenn ein neues politisches Establishment spricht, als kenne Geschichte nur eine Richtung.

Nach 1989 setzte Westeuropa auf Integration, Globalisierung und postnationale Politik. Produktion konnte ins Ausland wandern, Militärausgaben sanken, Energie kaufte man dort, wo sie am günstigsten war.

In Teilen Mittel- und Osteuropas blieb dagegen die Bindung an Souveränität, Grenzen, kulturelle Kontinuität, Verteidigung und materielle Sicherheit stärker. Westeuropa sah darin oft Politik von gestern. Dann kehrte die Geschichte zurück.

Polen und die baltischen Staaten warnten jahrelang vor Russland als strategischer Gefahr. Westeuropa war gelassener. Deutschland baute besonders im Energiebereich enge Beziehungen zu Russland auf, während Europa die Friedensdividende genoss und militärische Fähigkeiten abbauen ließ.

Verteidigung, Energie, Grenzen

Nach Russlands Angriff auf die Ukraine wirkte die angeblich altmodische östliche Sorge plötzlich weniger altmodisch. Polen baut erhebliche militärische Kapazitäten auf, während westliche Regierungen lange vernachlässigte Streitkräfte wiederherstellen. Wer war bei dieser Frage weiter?

Ähnlich bei der Energie. Deutschland stieg aus der Kernenergie aus, trieb die Energiewende voran und wurde stark von russischem Gas abhängig. Warnungen aus dem Osten vor strategischer Abhängigkeit galten lange als historische Fixierung auf Russland.

Dann wurden Pipelines zu geopolitischen Instrumenten. Europa entdeckte eine einfache Wahrheit wieder: Energiepolitik ist Sicherheitspolitik.

Auch bei den Grenzen zeigt sich die Verschiebung. Widerstand in Mittel- und Osteuropa gegen die Migrationspolitik infolge der Krise von 2015 galt häufig als Nationalismus. Ein Jahrzehnt später verschärfen westliche Regierungen selbst ihre Migrationspolitik. Die EU stärkt Rückführungen und Außengrenzen; Drittstaatenmodelle werden wieder diskutiert. Die Debatte hat sich verschoben, weil Wähler sie verschoben haben.

Italien wird von Giorgia Meloni regiert. In Frankreich ist der Rassemblement National ins Zentrum des politischen Wettbewerbs gerückt. In Großbritannien drängt die Partei Reform UK Einwanderung, Souveränität und nationale Identität zurück in die Hauptdebatte. Donald Trumps Rückkehr zeigte, dass der Aufstand gegen das progressive Establishment keine vorübergehende Abweichung war.

Blick aus Australien

Das Interessante ist nicht nur der Aufstieg rechter oder nationalkonservativer Parteien. Aufschlussreicher ist, wie sehr sich auch Regierungen der politischen Mitte verändert haben.

Sie erhöhen die Verteidigungsausgaben, reden über Reindustrialisierung, schützen strategische Branchen, überprüfen die Abhängigkeit von China und sichern die Energieversorgung. Resilienz, Souveränität und nationales Interesse gehören wieder zum politischen Vokabular.

Aus Australien ist die Ironie schwer zu übersehen. Geografisch kann man Ostdeutschland kaum ferner sein. Australier haben weder unter dem Kommunismus gelebt noch die deutsche Wiedervereinigung erlebt. Und doch stellen sich hier ähnliche Fragen.

Wie viel Einwanderung können der Wohnungsmarkt und die Infrastruktur verkraften? Warum kämpft ein Land mit gewaltigen Energieressourcen mit hohen Energiekosten? Wie abhängig sollte man bei strategischen Gütern vom Ausland sein? Wurde die Verteidigung zu lange vernachlässigt? Wie schnell kann Wandel vorangetrieben werden, bevor Wähler Widerstand leisten?

Australische Wähler stellen diese Fragen nicht wegen irgendwelcher Erinnerungen an die DDR. Britische oder amerikanische Wähler tun das ebenfalls nicht. Wenn ostdeutsche Skepsis nur ein psychologischer Rest des Kommunismus wäre, warum kommen Menschen mit völlig anderer Geschichte zu ähnlichen Sorgen? Vielleicht liegt der gemeinsame Nenner nicht in mangelnder Anpassung des Ostens an die Ordnung nach 1989, sondern in den Schwächen dieser Ordnung selbst.

Die Rückkehr der materiellen Politik

Die Globalisierung schuf enormen Wohlstand, aber auch gefährliche Abhängigkeiten. Deindustrialisierung brachte billigere Waren, schwächte jedoch eigene industrielle Fähigkeiten und Regionen. Die Europäische Integration schuf große Vorteile, beseitigte nationale Identität aber nicht. Die Masseneinwanderung vergrößerte das Arbeitskräfteangebot und die Vielfalt, brachte zugleich aber Integrationsprobleme, Druck auf Wohnungsmärkte und Konflikte um gesellschaftlichen Zusammenhalt, über die Regierungen nur ungern offen sprachen.

Das Kino International an der Karl-Marx-Allee © Berlinische Galerie

Postmaterielle Politik konnte gedeihen, weil materielle Sicherheit als selbstverständlich erschien. Das ist vorbei.

Lebenshaltungskosten zählen wieder. Wohnungen zählen. Energie zählt. Arbeitsplätze zählen. Verteidigung zählt. Grenzen zählen. Auch die Fabrik zählt wieder.

Vor diesem Hintergrund verdient der ostdeutsche Konservatismus einen zweiten Blick. Er passt nicht sauber in die angloamerikanische Definition von „rechts“. Ein ostdeutscher Wähler kann einen starken Sozialstaat befürworten und zugleich kontrollierte Einwanderung, nationale Souveränität und kulturelle Kontinuität verlangen.

Darin liegt kein zwingender Widerspruch. Verbindende Motive sind Sicherheit, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, produktive Arbeit und Misstrauen gegenüber raschem Wandel von oben. Vielleicht lässt sich diese Haltung als Erfahrungskonservatismus verstehen.

Wer große politische und ökonomische Umbrüche erlebt hat, misst dem Beständigen womöglich mehr Wert bei. Er fragt, was mit der Fabrik geschieht, bevor er ein neues Wirtschaftsmodell bewundert – und was mit der Gemeinschaft geschieht, bevor er die Transformation feiert.

Wenn Skepsis zur Diagnose wird

Für westliche Eliten ließ sich eine solche Haltung lange als Widerstand gegen Fortschritt deuten. Denn Fortschritt schien eine eindeutige Richtung zu haben: mehr Integration und Globalisierung, mehr kulturelle Liberalisierung, weniger Bedeutung von Grenzen und Nation.

Wenn eine politische Philosophie sich aber nicht mehr als eine Position unter mehreren versteht, sondern als natürliche Endstation aufgeklärter Gesellschaften, wird es leicht, Widerspruch zu diagnostizieren, statt ihn zu prüfen.

Warum sind diese Menschen skeptisch gegenüber Einwanderung? Warum misstrauen sie Institutionen? Warum ist ihnen nationale Zugehörigkeit wichtig? Warum wählen Ostdeutsche nicht wie Westdeutsche?

Aus der Frage „Haben sie vielleicht in manchem recht?“ wird dann schnell: „Was stimmt mit denen nicht?“ Vielleicht ist genau das die falsche Frage.

Grenzen sind nicht verschwunden. Nationale Souveränität ist nicht bedeutungslos. Militärische Macht zählt weiter. Energiesicherheit ist nicht selbstverständlich, industrielle Produktion strategisch wichtig. Masseneinwanderung hat politische und gesellschaftliche Grenzen. Sozialer Zusammenhalt entsteht nicht von selbst.

Konvergenz war nie nur eine Einbahnstraße

Mittel- und Osteuropa hat keineswegs in allem recht. Aber bei vielen dieser Grundfragen setzte die Skepsis deutlich früher ein als in westlichen Regierungen.

Seit 1989 wurde Konvergenz meist als Prozess in eine Richtung gedacht. Der Osten sollte westlicher werden: wohlhabender, kosmopolitischer, institutionell vertrauensvoller, politisch liberaler und schließlich weniger unterscheidbar. In vielem ist das geschehen.

Doch die Bewegung verläuft nicht mehr nur in eine Richtung. Westliche Wähler drängen ihre Regierungen zu stärkeren Grenzen, mehr Souveränität, höheren Verteidigungsausgaben, industrieller Eigenständigkeit, Energiesicherheit und nationaler Resilienz.

Der Westen wird deshalb nicht ostdeutsch. Etwas Interessanteres geschieht: Er entdeckt politische Realitäten wieder, die der Osten nie vollständig vergessen hat.

Vielleicht bestand der große Irrtum des Westens nach dem Kalten Krieg darin, eine außergewöhnlich günstige Phase für die dauerhafte Zukunft zu halten. Osteuropa hatte mehr Gründe, es besser zu wissen.

Sechsunddreißig Jahre lang wurde gefragt, wann die Ostdeutschen endlich zum Westen aufschließen. Angesichts der politischen Veränderungen in westlichen Demokratien könnte es an der Zeit sein, die Frage umzudrehen: Was wäre, wenn die Ostdeutschen dem Westen nicht hinterherhinken – sondern ihm in manchem voraus sind?