Solar-Boom außer Kontrolle? Warum Deutschland Millionen für überschüssigen Strom zahltJe schöner das Wetter, desto absurder der Strommarkt: In Deutschland fallen die Preise für Solarstrom inzwischen regelmäßig ins Minus – und das kostet Millionen. Von Franz Becchi | 24. Mai 2026 in der Berliner Zeitung
Es klingt paradox: Je besser das Wetter, desto mehr Strom produzieren Photovoltaikanlagen – und desto häufiger fällt der Strompreis ins Negative. Am Sonntag wurden bis 11 Uhr zeitweise rund 10,5 Gigawatt (GW) mehr Strom erzeugt als verbraucht. Der Preis fiel deshalb ins Minus: Stromerzeuger mussten faktisch dafür zahlen, dass ihr Strom abgenommen wurde. Doch was steckt dahinter? Viel Solarstrom, zu wenig SpeicherDass an sonnigen Wochenenden deutlich mehr Strom produziert als verbraucht wird, ist in Deutschland inzwischen kein ungewöhnliches Phänomen mehr. Grund dafür ist der massive Ausbau der Solarenergie. Da jedoch weiterhin zu wenige Speicherkapazitäten vorhanden sind, muss überschüssiger Strom kurzfristig ins Netz abgegeben oder exportiert werden. Negative Strompreise bedeuten allerdings nicht automatisch, dass das Stromnetz überlastet ist oder kurz vor einem Kollaps steht. Zwar können bei hoher Einspeisung und gleichzeitig geringer Nachfrage regionale Engpässe entstehen, diese werden jedoch meist durch Eingriffe der Netzbetreiber abgefangen. Größere steuerbare Anlagen lassen sich gezielt herunterregeln. Für viele kleinere Photovoltaikanlagen gilt das nur eingeschränkt. Da in Deutschland inzwischen mehrere Millionen Solaranlagen gleichzeitig Strom einspeisen, kann dies das Netz zusätzlich belasten. Wie teuer solche Situationen werden können, zeigte der vergangene 1. Mai: Nach Angaben des Düsseldorfer Wettbewerbsökonomen Justus Haucap mussten Netzbetreiber Abnehmern von Solarstrom zeitweise bis zu 499 Euro pro Megawattstunde (MWh) zahlen. Teilweise mussten Netzbetreiber dabei sowohl Stromabnehmer als auch Erzeuger bezahlen. Allein an diesem Tag sollen dadurch Kosten von mehr als 100 Millionen Euro entstanden sein – finanziert aus dem Bundeshaushalt. Mit dem weiteren Ausbau der Solarenergie steigt auch die Zahl der Stunden mit negativen Strompreisen. Waren es 2023 noch 301 Stunden, rechnen Experten für das laufende Jahr inzwischen mit 700 bis 900 Stunden. Damit dürfte sich das Problem künftig weiter verschärfen. |