Meteorologe zum Klimawandel: „Der Mensch ist nicht der alleinige Verursacher“

Diplom-Meteorologe Jörg Riemann räumt mit gängigen Klimawandel-Mythen auf und erklärt, warum viele Klimaziele unrealistisch sind. Ein klarer Blick auf die Fakten.

Von Franz Becchi Interview: Franz Becchi | 28. Mai 2025 in der Berliner Zeitung

Der Klimawandel ist seit Jahren ein zentrales Thema in den Medien, das immer wieder kontrovers diskutiert wird. Häufig wird er als das größte Umweltproblem unserer Zeit dargestellt, wobei die Ursachen und Auswirkungen der Erwärmung oft polarisiert betrachtet werden. Inmitten dieser intensiven Debatte stellt sich die Frage: Wie realistisch sind die vielfach geäußerten Prognosen und politischen Ziele? Und inwieweit sind die Alarmmeldungen der Medien gerechtfertigt?

Jörg Riemann ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Meteorologie. Er studierte von 1989 bis 1994 an der Humboldt-Universität und erwarb dort seinen Diplomabschluss. Seitdem ist er in der Wettervorhersage tätig und leitet seit 2017 die meteorologische Abteilung der Wettermanufaktur GmbH. Der Name der Firma ist Programm: Hier kann man tatsächlich direkt mit Meteorologen sprechen und sich bei schwierigen und ungewöhnlichen Wettersituationen fachkundig beraten lassen. Im Interview spricht Riemann über die komplexen Wechselwirkungen des Klimawandels, die Rolle der Medien und die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den Herausforderungen des Klimawandels umgehen sollten.

Herr Riemann, es wird immer wieder behauptet, dass fast 100 Prozent der Wissenschaftler übereinstimmen, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht wird. Was denken Sie darüber?

Zunächst einmal muss man sagen, dass diese Diskussion ein sehr komplexes und vielschichtiges Thema betrifft. Ich stimme grundsätzlich zu, dass der Mensch durch seine Aktivitäten, insbesondere durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, einen Einfluss auf das Klima hat. Aber dieser Einfluss muss differenziert betrachtet werden. Es gibt viele verschiedene Faktoren, die das Klima beeinflussen, und nicht nur der menschliche CO₂-Ausstoß. Natürlich ist der Ausstoß von Treibhausgasen ein entscheidender Faktor, aber viele vergessen, dass auch natürliche Zyklen und Perioden des Klimawandels eine Rolle spielen. Wenn man sich die letzten 100 Jahre anschaut, sieht man, dass es sowohl Phasen der Erwärmung als auch der Abkühlung gab. Zwischen den 1940er-Jahren und den 1970er-Jahren beispielsweise gab es eine deutliche Abkühlung, die oft übersehen wird, wenn wir über den modernen Klimawandel sprechen. Der Mensch ist sicherlich ein Akteur, aber er ist nicht der alleinige Verursacher der klimatischen Veränderungen, die wir heute beobachten.

Privat

Jörg Riemann

Geboren 1967, studierte Riemann von 1989 bis 1994 Meteorologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und schloss das Studium mit dem Diplom ab. Seitdem ist er kontinuierlich in der Wettervorhersage tätig. Seit 2017 leitet er die meteorologische Abteilung der Wettermanufaktur GmbH.

Was genau sind denn diese natürlichen Klimafaktoren, die auch eine Rolle spielen?

Die Erde ist ein sehr komplexes System, und das Klima wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Ein wichtiger Faktor ist zum Beispiel die Sonnenaktivität. Die Sonne ist natürlich der Hauptenergielieferant für das Klimasystem der Erde. Ihre Aktivität schwankt in Zyklen, und dies hat Auswirkungen auf das Klima. Ein weiteres Beispiel ist die Veränderung von Wettersystemen. In Mitteleuropa sehen wir, dass bestimmte Wetterlagen häufiger auftreten, die zuvor seltener waren. So hat zum Beispiel die südliche Luftströmung, die ihren Ursprung in Nordafrika hat und heiße, trockene Luft nach Mitteleuropa bringt, zugenommen, während kältere Luftmassen aus dem Nordwesten in den letzten Jahren zumindest im Sommer deutlich seltener sind. Die Ursache dafür findet man in einer Verschiebung der Lage der zugehörigen Hoch- und Tiefdruckgebiete. Hinzu kommen unberechenbare Vulkanaktivitäten. Diese natürliche Variabilität spielt ebenso eine Rolle wie der menschliche Einfluss. Aber es ist schwer zu quantifizieren, wie stark jeder Faktor zum derzeitigen Klima beiträgt. Klar ist jedoch, dass es neben den menschlichen Aktivitäten auch viele natürliche Prozesse gibt, die das Klima beeinflussen.

Wir sprechen also viel über den menschlichen Einfluss auf das Klima. Wie sehen Sie den Begriff „Klimaschutz“? Wird dieser Begriff nicht oft missverstanden, wenn wir über konkrete Maßnahmen reden?

Das ist ein sehr guter Punkt. Wenn ich von „Klimaschutz“ höre, muss ich immer wieder betonen, dass dieser Begriff sehr irreführend ist. Klimaschutz suggeriert, dass wir das Klima irgendwie „schützen“ können, was nicht ganz zutreffend ist. Das Klima ist ein dynamisches System, das sich ständig verändert. Was wir eigentlich tun müssen, ist, uns an die Veränderungen anzupassen und die menschlichen Aktivitäten, die den Klimawandel verstärken, zu reduzieren. Aber das bedeutet nicht, dass wir den Klimawandel an sich stoppen können. Der Klimawandel ist vor allem auch ein natürlicher Prozess, der seit Millionen von Jahren stattfindet. Es geht also eher darum, die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern, anstatt zu glauben, wir könnten ihn „verhindern“. Es ist notwendig, dass wir uns mit den konkreten Herausforderungen auseinandersetzen, die durch den Klimawandel entstehen – etwa durch extreme Wetterereignisse, Überschwemmungen oder Dürreperioden. Aber eine pauschale Antwort wie „Klimaschutz“ hilft hier wenig. Es bedarf einer differenzierten Betrachtung und gezielter Maßnahmen, die sowohl den CO₂-Ausstoß senken als auch die Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft verbessern.

Was halten Sie von internationalen Abkommen wie dem Pariser Klimaabkommen, das zum Ziel hat, die Erderwärmung zu begrenzen?

Das Pariser Abkommen ist ein wichtiger Schritt, und ich denke, es ist ein klares politisches Signal, dass der Klimawandel ernst genommen wird. Aber die Frage bleibt: Wie realistisch sind solche Ziele? Ein globaler Konsens darüber, die Erderwärmung zu begrenzen, ist sicherlich notwendig, aber wie kommen wir dahin? Wenn nur eine Handvoll Länder ernsthaft ihre CO₂-Emissionen verringert und andere Nationen weiterhin ihren CO₂-Ausstoß erhöhen, wird der Effekt global betrachtet minimal sein. Es gibt auch den Punkt, dass Technologien wie die Reduktion von CO₂ durch Speicherung oder die Entwicklung von „grünen“ Technologien nicht so schnell skaliert werden können, wie es oft dargestellt wird. Wir müssen uns auch mit den wirtschaftlichen und sozialen Aspekten des Wandels befassen. Die wirtschaftlichen Interessen vieler Länder und Industrien stehen oft im Widerspruch zu den Umweltzielen. Insofern bin ich sehr skeptisch, ob solche globalen Vereinbarungen genug bewirken können, wenn sie nicht von jedem Land ernsthaft umgesetzt werden.

Wenn wir über den Klimawandel sprechen, fällt oft auch der Begriff „extreme Wetterereignisse“. Ist das Wetter tatsächlich extremer geworden, oder ist das einfach eine Wahrnehmung, die durch die Medien verstärkt wird?

Das ist ein interessanter Punkt. Ja, es gibt sicherlich eine Zunahme von extremen Wetterereignissen, aber das darf nicht sofort als Beweis für den Klimawandel verstanden werden. Extremwetter gab es immer schon. Was sich jedoch verändert hat, ist die Wahrnehmung dieser Ereignisse. Insbesondere ist die Frage nicht eindeutig zu beantworten, was eigentlich normales Wetter ist, denn auch Normalwerte zum Beispiel von Temperaturen unterliegen Veränderungen. In den Medien wird häufig von „unvorstellbaren“ Überschwemmungen oder Dürren berichtet, was oft zu einer Verzerrung führt. Die Medien haben die Tendenz, jedes Wetterereignis, das ungewöhnlich erscheint, sofort als „extrem“ zu kategorisieren und mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen. Aber der Begriff „extrem“ ist sehr relativ. Was früher als normales Wetter galt, wird heute als außergewöhnlich wahrgenommen, weil wir uns zunehmend an mildere oder gleichmäßigere Wetterbedingungen gewöhnt haben. Das liegt auch daran, dass viele dieser extremen Ereignisse nicht neu sind. Es gab schon in den 1950er-Jahren große Überschwemmungen oder starke Dürren, aber die Aufmerksamkeit, die diese Themen heute erhalten, ist weitaus größer. Die Medien spielen hier eine große Rolle, indem sie oft zu schnellen, reißerischen Schlüssen ziehen und so die öffentliche Wahrnehmung stark beeinflussen.

Wie sehen Sie die Rolle der Journalisten in der aktuellen Klimadebatte?

Die Medien haben zweifellos eine sehr große Verantwortung, wenn es darum geht, wie der Klimawandel und seine Folgen kommuniziert werden. In vielen Fällen fehlt es den Journalisten an der nötigen Expertise, um die wissenschaftlichen Fakten korrekt einzuordnen. Sie neigen dazu, komplexe Themen in sehr einfache, aber oft irreführende Narrative zu verpacken, die die Aufmerksamkeit der Leser fesseln, aber nicht immer den gesamten Sachverhalt widerspiegeln. Ein Beispiel: Wenn ein einzelnes extrem heißes Jahr als „Beweis“ für den Klimawandel präsentiert wird, wird völlig außer Acht gelassen, dass auch in der Vergangenheit sehr heiße Jahre aufgetreten sind. Ein anderes Beispiel ist die ständige Wiederholung der Aussagen, dass die letzten Jahre die „wärmsten Jahre aller Zeiten“ gewesen sind. Die Frage, ob diese Zahlen tatsächlich ungewöhnlich sind, wird oft nicht gestellt. Wir müssen den Journalisten mehr Fachwissen und ein besseres Verständnis für wissenschaftliche Methoden vermitteln, damit sie die komplexen Zusammenhänge des Klimawandels präziser und differenzierter darstellen können. Gleichzeitig muss die Öffentlichkeit besser darin geschult werden, zwischen kurzfristigen Wetterschwankungen und langfristigen Klimatrends zu unterscheiden.

Ein weiterer zentraler Aspekt der Klimawandeldiskussion sind Klimamodelle, die zur Prognose zukünftiger Entwicklungen genutzt werden. Wie zuverlässig sind diese Modelle und was halten Sie von den Vorhersagen, die auf ihnen basieren?

Klimamodelle sind ein sehr nützliches Werkzeug, um zukünftige Szenarien zu simulieren, aber sie sind auch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Die Modelle basieren auf vielen Annahmen, die sich aus den vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen ableiten, aber diese Annahmen können sich ändern, wenn neue Daten oder neue Erkenntnisse verfügbar werden. Ein Beispiel: Wenn man davon ausgeht, dass der CO₂-Ausstoß konstant bleibt oder schneller reduziert wird, hat das natürlich einen großen Einfluss auf das Modell und die Prognosen. Aber was wir oft vergessen, ist, dass das Klima auch von vielen nicht-menschlichen Faktoren beeinflusst wird, wie etwa der Sonnenaktivität oder großen Vulkanausbrüchen, die sich nicht immer exakt vorhersagen lassen. Die Klimamodelle sind zudem immer noch stark auf bestimmte Annahmen angewiesen, die in der realen Welt nicht immer zutreffen. Zum Beispiel wurden extreme Wettereignisse in einigen Modellen der letzten Jahrzehnte nicht korrekt abgebildet oder deren Häufigkeit unterschätzt. Auch die Frage, wie die verschiedenen Klimafaktoren zusammenwirken, ist noch nicht vollständig verstanden. Die genaue Modellierung von Wechselwirkungen zwischen den Ozeanen, der Atmosphäre und der Landoberfläche stellt eine enorme Herausforderung dar.

Es ist also wichtig zu verstehen, dass diese Modelle bestenfalls Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Szenarien liefern, aber nicht die exakte Zukunft vorhersagen können. Sie geben uns eine Vorstellung davon, in welche Richtung sich das Klima bewegen könnte, aber sie sind keine unumstößlichen Wahrheiten. Wir sollten uns also nicht nur auf Modelle verlassen, sondern auch andere, ergänzende Daten und Erfahrungen einfließen lassen, um eine fundierte Entscheidung über zukünftige Maßnahmen zu treffen.

Wenn wir von den letzten Jahren sprechen, gab es ja auch die Diskussion um die Dürre in Berlin und Brandenburg. Ist die Trockenheit, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, eine Folge des Klimawandels?

Die Dürre in den letzten Jahren ist ein gutes Beispiel für das komplexe Zusammenspiel zwischen natürlichen und menschlichen Faktoren. Sicherlich hat der Klimawandel zur Zunahme von extremen Trockenperioden beigetragen, aber es gibt auch viele andere Einflussfaktoren. Zum Beispiel: In den letzten Jahren gab es immer wieder Phasen mit extrem wenig Niederschlag, aber wenn man sich die Gesamtdaten anschaut, stellt man fest, dass die Region jährlich etwa 600 Millimeter Niederschlag erhält – das ist im Grunde genommen normal. Was jedoch auffällt, ist, dass diese Regenfälle immer häufiger in Form von Starkregenereignissen auftreten. Wenn es dann regnet, regnet es oft sehr heftig auf einmal. Der Boden ist jedoch oft so ausgetrocknet, dass er das Wasser nicht aufnehmen kann. Das führt dann zu Überschwemmungen, die für die Pflanzenwelt und die Landwirtschaft problematisch sind. Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, die Struktur unserer Landschaften und Städte so anzupassen, dass sie besser mit extremen Wetterbedingungen umgehen können. Das bedeutet auch, dass wir den Umgang mit Wasserressourcen effizienter gestalten müssen.

Zum Abschluss noch eine letzte Frage. Was wäre Ihr wichtigster Appell in Bezug auf den Klimawandel?

Mein wichtigster Appell wäre, dass wir uns bewusst werden, dass der Klimawandel ein langfristiger Prozess ist, der uns alle betrifft. Es ist keine kurzfristige Modeerscheinung, sondern ein natürlicher Prozess, den wir teilweise verstärken. Aber anstatt in Panik zu geraten oder extremistische Lösungen zu suchen, sollten wir uns auf pragmatische, differenzierte Lösungen konzentrieren. Wir müssen uns sowohl an die Veränderungen anpassen als auch unsere Auswirkungen auf das Klima reduzieren. Es geht nicht darum, den Klimawandel zu stoppen, sondern ihn so gut wie möglich zu mildern und uns anzupassen. Und dabei ist es wichtig, dass jeder von uns Verantwortung übernimmt – sei es durch Energieeinsparungen im Alltag oder durch den Einsatz von Technologien, die weniger umweltschädlich sind. Aber auch auf politischer Ebene müssen wir den Dialog offenhalten und kluge, nachhaltige Entscheidungen treffen, die langfristig Wirkung zeigen.

Vielen Dank für das Gespräch.