Instrumentalisierung des Klimas: Ist die Klimakrise nur ein politisches Narrativ?Die Klimakrise dominierte Medien und politische Debatte. Doch je lauter der Aufschrei, desto leiser die eigentliche Frage: Stimmt das eigentlich? Christof Weber | 27. Mai 2026 in der Berliner Zeitung Seit 2019 und dem Aufstieg von Bewegungen wie Fridays for Future gab es einen großen Wendepunkt bei der Klimakommunikation in Richtung Katastrophe und Krise. Doch schlittern wir tatsächlich in eine Apokalypse – und gibt es eine derartige Krise wirklich? Eines steht fest: Der Begriff „Klimakrise“ ist nicht neutral. Das Wort „Krise“ stammt aus dem Griechischen. Es beschreibt eine Situation, die schwierig ist und vom sogenannten Normalzustand abweicht. Zusätzlich stellt sie einen Höhe- oder Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung dar. Politisch oder auf den Schutz vor Katastrophen bezogen steht das Wort für eine Ausnahmesituation, die mit alltäglichen Mitteln nicht bewältigt werden kann, die also außergewöhnliches Handeln erfordert. Wenn heutzutage von einer „Klimakrise“ die Rede ist, spricht man nicht nur von Wetter oder Physik, sondern von Dringlichkeit, Ausnahmezustand, Handlungszwang oder der Legitimation politischer Eingriffe. Doch die Definition des Wortes zeigt, wie schwer die Einschätzung fällt, ob der Wandel des Klimas tatsächlich eine echte Krise ist, die einen Ausnahmezustand rechtfertigt. Betrachtet man rein die Wortdefinition, finden sich Argumente sowohl für als auch gegen eine klimatische Krise. Geht man nach dem Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“, wobei in diesem Fall das Klima angeklagt ist, sich in einer Krise zu befinden, erscheint ein globaler Ausnahmezustand zumindest nicht eindeutig belegbar. Wissenschaftlich und politisch existieren sowohl Stimmen, die vor den Risiken des Klimawandels warnen, als auch solche, die eine größere Gefahr in allzu weitreichenden staatlichen Eingriffen sehen. Tatsächlich existieren wissenschaftliche, politische und philosophische Argumente dagegen, den Klimawandel eindeutig als akute globale Krise zu beschreiben. Viele davon verweisen auf Unsicherheiten von Klimaszenarien, Widersprüche in der öffentlichen Krisenkommunikation oder die politischen Konsequenzen einer zunehmend vorsorgeorientierten Klimapolitik. Doch welche sind das genau? Was gegen die Krisenerzählung sprichtEines der am häufigsten vorgebrachten Argumente sind historische Warmzeiten und natürliche Klimavariabilität. Tatsächlich gibt es frühere Perioden vor dem sogenannten industriellen Zeitalter, die im Vergleich zu heute wärmer waren. Zum Beispiel lagen im Atlantikum vor etwa 5000 Jahren die globalen Durchschnittstemperaturen 0,2 bis 1 Grad über dem industriellen Niveau. In der Eem-Warmzeit vor 125.000 Jahren lagen die Temperaturen 1 bis 2 Grad über dem heutigen Mittel und auch der Meeresspiegel lag höher als heute. Frühere Warmphasen wie das „Grüne Sahara“-Intervall zeigen, dass höhere Temperaturen regional auch mit feuchteren und fruchtbareren Bedingungen verbunden sein können. Klimawirkungen sind also komplexer als reine Katastrophenszenarien suggerieren. Ein weiterer zentraler Streitpunkt betrifft die Unsicherheit von Szenarien und Klimamodellen. Klimamodelle arbeiten mit Szenarien. Diese beruhen nicht nur auf Physik, sondern auch auf Annahmen über CO₂-Ausstoß durch menschliche Aktivitäten, Landnutzung, Bevölkerungswachstum, Wirtschaft, Energieverbrauch, Technologie und Politik. Gerade diese gesellschaftlichen Annahmen werden unter anderem von Roger Pielke seit Jahren kritisiert. Besonders die auf extremen gesellschaftlichen Annahmen beruhenden SSP5-8.5 oder RCP8.5 seien kommunikativ oft wie ein realistischer Zukunftspfad behandelt worden. Pielke argumentiert, RCP8.5 sei nicht erst durch jüngere Entwicklungen unplausibel geworden; vielmehr sei die Evidenz für seine geringe Plausibilität immer deutlicher geworden. Die Annahmen für die Szenarien sind mit großen Unsicherheiten verbunden, was wiederum die Ergebnisse der Klimamodelle unsicherer macht. Insbesondere auf regionaler Ebene steigt die Unsicherheit und die Aussagekraft sinkt. Gerade dadurch entsteht Kritik an einer öffentlichen Klimakommunikation, die häufig stark mit globalen Durchschnittswerten arbeitet, obwohl konkrete Klimaentwicklungen regional sehr unterschiedlich verlaufen. Sonne, Wolken, CO₂: Was treibt die Erwärmung an?Ein weiterer Streitpunkt ist die starke Fokussierung auf CO₂ als zentralen Treiber der Erwärmung und die offene Frage nach dem Einfluss der Sonne und von Wolken. Verschiedene Arbeiten verweisen auf die hohe Bedeutung von Wolken, Wasserdampf, Ozeanzyklen und Albedo-Effekten. Gerade Wolken gelten seit Jahrzehnten als einer der größten Unsicherheitsfaktoren der Klimamodellierung. Studien wie jene von Nikolov und Zeller betonen insbesondere die Bedeutung von Wolken und Änderungen der planetaren Reflexionseigenschaften für den Strahlungshaushalt der Erde. Eine Studie von Connolly et al. von 2021 untersucht den Einfluss der Sonne auf den Temperaturtrend der nördlichen Hemisphäre. Die Autoren argumentieren, dass der Einfluss solarer Variabilität auf Temperaturentwicklungen möglicherweise größer ist als in vielen aktuellen Klimamodellen angenommen – und sehen die Frage nach der Rolle der Sonne weiterhin als offene wissenschaftliche Debatte. Ein Paper von Soon et al. 2015 verweist auf auffällige Korrelationen zwischen Sonnenaktivität und Temperaturentwicklungen sowie auf Unsicherheiten bei Temperaturdatensätzen und Modellannahmen. Eine Studie von Hermann Harde aus dem Jahr 2017 kommt zu dem Schluss, dass über das letzte Jahrhundert die Sonne 60 Prozent Anteil an der globalen Erwärmung hat und CO₂ 40 Prozent. Auch eine Nature-Studie von Song et al. (2016) hinterfragt einen einseitigen Fokus auf CO₂. Selbst prominente Physiker wie Nobelpreisträger John Clauser bestreiten die Existenz einer „Klimakrise“. Er sagte wortwörtlich: „Es gibt keine wirkliche Klimakrise“ – und verweist auf die Rolle von Wolken, Sonne und Unsicherheiten klimatischer Modellierungen. Dass selbst ein Physik-Nobelpreisträger als „Klimawandelleugner“ etikettiert wird, zeigt, wie wenig Raum für abweichende Positionen im Klimadiskurs bleibt. Zudem wird auf Satellitendaten verwiesen, die seit den 1980er-Jahren einen Rückgang der globalen Bewölkung zeigen. Weniger Wolken bedeuten mehr einfallende Sonnenstrahlung und könnten damit zumindest einen zusätzlichen Beitrag zur jüngeren Erwärmung leisten. Auch in Europa nahm zuletzt die Sonnenscheindauer deutlich zu. Nicht zwingend Extremwetter durch den KlimawandelDa nach Unwettern oft rasch auf den Klimawandel verwiesen wird, werden immer wieder Studien angeführt, die zeigen, dass Extremereignisse nicht zunehmen. Unter anderem haben Alimonti und Mariani 2023 in Environmental Hazards eine Studie veröffentlicht, die keine Zunahme von Extremereignissen durch die Klimaerwärmung zeigt. Was bei Unwettern oft zu Recht kritisiert wird, ist die inflationäre Zuschreibung eines jeden katastrophalen Ereignisses zum anthropogenen Klimawandel. Rein wissenschaftlich ist das nicht haltbar, da die Zuschreibung von Einzelereignissen zum Klimawandel weitaus komplizierter ist als häufig dargestellt. Auch bei den Folgen höherer Temperaturen ist die Bilanz weniger eindeutig, als es die Krisensprache nahelegt. Einerseits muss eine Erwärmung nicht unbedingt schlecht sein, andererseits hätte eine mögliche Abkühlung ebenfalls dramatische Folgen. Dass dann noch zusätzlich überlegt wird, mittels Solar Radiation Management einen als menschengemacht angesehenen Effekt durch weitere menschliche Eingriffe abzuschwächen, erscheint vielen Menschen paradox. Dazu passt eine Studie in The Lancet: Planetary Health, die die Übersterblichkeit durch Kälte und Hitze in 854 europäischen Städten untersuchte. Die Autoren schätzen einen jährlichen Überschuss von 130.228 Toten durch Kälte – und nur 13.589 durch Hitze. Auch die immer wieder diskutierten Kipppunkte des Klimasystems sind mit erheblichen wissenschaftlichen Unsicherheiten verbunden, was in der öffentlichen Debatte oft weniger deutlich wird. Selbst das Karlsruher Klimaurteil räumt ein, dass die Forschung zu Kipppunkten mit Unsicherheiten verbunden ist. Die politischen Widersprüche der KlimakriseWelche weitreichenden Folgen die Erzählung einer globalen Klimakrise anhand nicht abschließend gesicherter Grundlagen haben kann, zeigt nicht zuletzt das historische Urteil von Karlsruhe 2021. Erstmals wurde in Deutschland der Gesetzgeber verpflichtet, die Klimaschutzgesetze langfristig konkreter auszugestalten. So sollten die Reduktionsziele für den Ausstoß von Treibhausgasen verbindlicher geregelt und Vorgaben für die Zeit nach 2030 festgelegt werden. Zudem argumentierte das Gericht, dass heutige Emissionen zukünftigen Generationen nicht unverhältnismäßige Freiheitseinschränkungen aufbürden dürften. In Anbetracht der aktuellen Debatte über unplausible Szenarien erscheint das Urteil in einem neuen Licht. Es beweist keineswegs automatisch eine akute oder eindeutig definierte „Klimakrise“. Die Argumentation des Gerichts basiert vor allem auf Zukunftsrisiken und Vorsorgeprinzipien, nicht auf der Feststellung einer unmittelbar nachweisbaren akuten Notlage. Die Entscheidung wurde seinerzeit von Unterstützern einer strengeren Klimapolitik gefeiert. Bei näherer Betrachtung fällt das Urteil jedoch weniger eindeutig aus, als es häufig dargestellt wurde. Das Gericht konnte zum Beispiel nicht erkennen, dass die gesetzlichen Bestimmungen zu dieser Zeit eine grundrechtliche Schutzpflicht verletzen. Mehrere Verfassungsbeschwerden wurden abgewiesen. Tatsächlich wurde sogar festgehalten: „Dass der Staat Anforderungen verletzt hat, die zur Vermeidung existenzbedrohender Zustände katastrophalen oder gar apokalyptischen Ausmaßes an ihn gerichtet sein könnten, kann aber nicht festgestellt werden.“ Bemerkenswert ist auch folgende Aussage im Urteil: „Die Frage, auf welche Temperatur begrenzt werden soll, ist letztlich eine klimapolitische Frage und nicht rein naturwissenschaftlich entscheidbar.“ Kritisch zu sehen ist an dem Urteil unter anderem, wie das Gericht Artikel 20a des Grundgesetzes interpretiert. Im Urteil wird daraus abgeleitet: „Art. 20a GG verpflichtet den Staat zum Klimaschutz. Dies zielt auch auf die Herstellung von Klimaneutralität.“ Damit macht das Gericht aus dem Schutz natürlicher Lebensgrundlagen faktisch eine staatliche Verpflichtung zur Klimaneutralität – obwohl das so nicht ausdrücklich im Grundgesetz steht. In Anbetracht der unwahrscheinlich gewordenen extremen Klimaszenarien steht auch die Auswahl der wissenschaftlichen Quellen, auf die sich das Gericht stützt, in der Kritik. Es verlässt sich stark auf den IPCC, den SRU, das UBA und Autoren wie Rahmstorf und Schellnhuber. Es ist fraglich, ob dabei wissenschaftliche Unsicherheiten und abweichende Positionen ausreichend berücksichtigt werden. Mehrfach verweist das Urteil auf einen Emissionspfad, mit dem Klimamodelle eine Erwärmung von 3 Grad bis 2100 projizieren – das entspricht nach der Entnahme der 8.5-Szenarien dem neuen Worst-Case-Szenario SSP3-7.0. Aus heutiger Sicht stützt sich das Urteil damit auf das pessimistischste verfügbare Szenario. Der Ruf nach einer Revision ist damit alles andere als unbegründet. Krisenkommunikation und ihre politischen FolgenZur Kritik an der Klimapolitik gehören auch Zielkonflikte zwischen Klima-, Umwelt- und Naturschutz. Klimapolitische Maßnahmen können mit Umwelt- und Naturschutz im Widerspruch stehen. Ein Beispiel dafür ist die Zerstörung von Wäldern durch den Ausbau von Windkraftanlagen. Letztere werden auch für den Tod von Vögeln und Fledermäusen verantwortlich gemacht. Auch Lärm- und Infraschallbelastungen werden kontrovers diskutiert. Manche sehen darin eine grundlegende Verschiebung des Umweltbegriffs. Während frühere Umweltdebatten häufig lokale Verschmutzung, Landschaftszerstörung oder Artenverlust betrafen, konzentriert sich der heutige Klimadiskurs stark auf globale Emissionspfade und Temperaturziele. Wie schon bei Corona steht beim Klimathema in vielen Medien und bei einem großen Teil der Politik eine mögliche Bedrohungslage im Vordergrund. Wenn nahezu jede Einschränkung mit langfristigen Klimarisiken begründet werden kann, stellt sich zwangsläufig die Frage, wo die Grenzen staatlicher Eingriffe liegen. Selbst wenn extreme Szenarien wissenschaftlich sinnvoll sein können, stellt sich die Frage, wie sie öffentlich kommuniziert wurden – und ob daraus ein politisch aufgeladenes Krisennarrativ entstand. Während viele Medien betonen, dass der Klimawandel trotz der Debatte um Extrem-Szenarien eine Bedrohung bleibe, wird die eigentliche Frage nach der Plausibilität dieser Szenarien oft kaum ernsthaft aufgearbeitet. Auch Roger Pielke kritisiert in seinem Blog den einseitigen Fokus internationaler Medien wie Carbon Brief oder der New York Times auf die Äußerungen von Donald Trump, anstatt die Herausnahme der Extremszenarien wirklich aufzuarbeiten. Selbst wenn Risiken real sind, bleibt die Frage bestehen, wie weit demokratische Gesellschaften mit Eingriffen, Verboten und Freiheitsbeschränkungen gehen sollten – insbesondere wenn wissenschaftliche Prognosen auf Szenarien und Modellen mit unsicheren Ergebnissen beruhen. Kritiker der aktuellen Klimapolitik warnen bereits heute vor spürbaren Wohlstandsverlusten durch steigende Energiepreise, höhere Mobilitätskosten und zunehmende regulatorische Belastungen. Wer ständig über zukünftige Krisen spricht, darf die gegenwärtigen Lebensrealitäten nicht ausblenden. Klimawandel ja, aber Klimamodelle fraglichNatürlich gibt es den Klimawandel, wir sehen eine Erwärmung, es gibt einen Einfluss des Menschen auf das Klima. Doch selbst in wissenschaftlichen Fachjournalen existiert fundamentale Kritik an Klimamodellen – trotzdem dominiert öffentlich oft der Eindruck einer vollständig abgeschlossenen, eindeutigen Wissenschaft. Gerade deshalb wirkt es ausgesprochen paradox, dass ausgerechnet jetzt, während über die Plausibilität extremer Klimaszenarien diskutiert wird, bereits Forderungen nach einem globalen Klimanotstand laut werden. |