Mythos vom brennenden Planeten: Die Daten sagen etwas anderes

Brände in Frankreich und Spanien prägten die Bilder des Sommers. Satellitendaten zeigen jedoch: Weltweit brannte 2026 so wenig Fläche wie noch nie seit Messbeginn.

Von Christof Weber | 15. August 2026 in der Berliner Zeitung

Flammenwände, Rauchwolken und evakuierte Ortschaften: Die Brände in Frankreich und Spanien lieferten in diesem Sommer dramatische Bilder. Schnell war von einem Europa in Flammen und von einem weiteren Beleg für die menschengemachte Klimakrise die Rede. Für die betroffenen Menschen waren die Feuer zweifellos verheerend. Doch die globalen Daten stützen nicht den Eindruck, dass auf der Erde immer mehr Fläche brennt.

Ein ungewöhnlich schwaches Feuerjahr

Ausgerechnet während Medien erneut den Eindruck eines außer Kontrolle geratenen Feuerjahres vermitteln, liegt die weltweit verbrannte Fläche laut Satellitendaten bis Anfang August außergewöhnlich niedrig. Nach Angaben des Global Wildfire Information System (GWIS) waren bis zur 31. Kalenderwoche weltweit rund 120 Millionen Hektar verbrannt – der niedrigste Wert der GWIS-Reihe seit 2012 und rund 41 Prozent weniger als im Durchschnitt der Vergleichsjahre.

Auch Europa verzeichnete bis zu diesem Zeitpunkt mit rund 5,4 Millionen Hektar einen neuen Tiefststand. Der bisherige Tiefstwert lag bei 7,1 Millionen, der Durchschnitt bei rund 13 Millionen Hektar. Das schmälert weder die Gefahr einzelner Feuer noch ihre teilweise außergewöhnlichen Ausmaße. Es widerspricht aber der verbreiteten Erzählung, die Welt erlebe 2026 insgesamt ein beispielloses Flammeninferno.

Das GWIS stützt seine aktuellen Schätzungen auf die Satellitensensoren MODIS und VIIRS. Die Daten umfassen neben Waldbränden auch Savannen-, Grasland- und Agrarfeuer sowie absichtlich zur Landschaftspflege gelegte Brände. Die ausgewiesene Brandfläche ist daher nicht mit der Fläche von Waldbränden gleichzusetzen.

Der dänische Politikwissenschaftler Björn Lomborg machte Anfang August auf eine überraschende Auswertung des Global Wildfire Information System (GWIS) der EU aufmerksam. Bis Anfang August lag die weltweit verbrannte Fläche demnach rund 42 Prozent unter dem Mittel der Jahre 2012 bis 2025. Alle Kontinente lagen unter ihrem Vergleichswert; Afrika, Nord- und Südamerika sogar auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Reihe im Jahr 2012.

Die 42 Prozent werden nicht unmittelbar als Kennzahl von GWIS ausgewiesen, sondern beruhen auf Lomborgs Auswertung der GWIS-Daten. Eine methodische Besonderheit legt er offen: GWIS ordnet Russland vollständig Europa zu. Für seinen Kontinentalvergleich rechnet Lomborg Russland Asien statt Europa zu. Er begründet dies damit, dass 82 Prozent der russischen Feuer zwischen 2012 und 2023 östlich des Urals lagen. Das lässt Asien besser und Europa schlechter aussehen – verzerrt das Ergebnis also nicht zugunsten Europas. Der globale Wert bleibt davon ohnehin unberührt.

Auch die Schätzungen der weltweiten Feueremissionen ergeben ein ähnliches Bild. Das Global Fire Assimilation System (GFAS) des Copernicus Atmosphere Monitoring Service schätzt auf Grundlage satellitengemessener Feuerstrahlungsleistung die Emissionen aus Biomassebränden. Von Januar bis Juni 2026 waren es knapp 400 Millionen Tonnen Kohlenstoff – der niedrigste Halbjahreswert seit Beginn der 24-jährigen Reihe im Jahr 2003. Auch nach sieben Monaten wiesen die aktuellen GFAS-Daten den niedrigsten Wert der 24-jährigen Vergleichsreihe aus.

Brandfläche und Emissionen aus Biomassebränden sind unterschiedliche Messgrößen; 2026 fallen jedoch beide vergleichsweise niedrig aus. GFAS erfasst nicht nur unkontrollierte Waldbrände, sondern auch Savannen- und Agrarfeuer. Vor allem die geringere saisonale Feueraktivität im tropischen Afrika senkt den globalen Wert. Der Tiefstwert gilt allerdings nur für die seit 2003 verfügbare GFAS-Reihe.

Weltweit sinkt die verbrannte Fläche

Das niedrige Niveau des Jahres 2026 fügt sich in einen längerfristigen Rückgang der globalen Brandfläche ein. Eine 2017 in Science veröffentlichte Studie ermittelte für die Jahre 1998 bis 2015 einen Rückgang der weltweit verbrannten Fläche um 24,3 Prozent. Als wichtige Ursachen nennt die Studie intensivere Landwirtschaft, Straßen, Siedlungen und die Fragmentierung vormals zusammenhängender Landschaften. Besonders in afrikanischen Savannen breiten sich Feuer dadurch weniger weit aus.

Wie die bei Our World in Data aufbereiteten Satellitendaten veranschaulichen, ist die weltweit verbrannte Fläche seit den frühen 2000er Jahren um ungefähr ein Viertel zurückgegangen. Die globale Brandfläche hat damit trotz steigender Temperaturen abgenommen – entgegen dem Eindruck, den Bilder großer Feuer vermitteln können.

Der Rückgang betrifft vor allem Grasland, Savannen und landwirtschaftlich genutzte Flächen. Sie machen den größten Teil der weltweit verbrannten Fläche aus. Bei Waldbränden ist das Bild weniger eindeutig. Global blieb die betroffene Waldfläche eher stabil, während sich regional sehr unterschiedliche Entwicklungen zeigen.

Europäische Zahlen aus weiter zurückliegenden Jahren lassen sich dagegen nur bedingt miteinander vergleichen. Die European Fire Database enthält zwar nationale Angaben aus der Zeit vor 2004. Allerdings wurden dabei nicht durchgehend dieselben Länder erfasst und die Angaben nicht nach vollständig einheitlichen Regeln erhoben. Das JRC verwaltet und prüft die von den Staaten gelieferten Daten erst seit der Einrichtung der EFFIS-Datenbank im Jahr 2004; die satellitengestützte Schnellkartierung wurde 2003 eingeführt. Einzelne nationale Reihen reichen weiter zurück. Europäische Gesamtwerte aus unterschiedlichen Zeiträumen sind daher nicht ohne Weiteres vergleichbar.

Eine rückläufige Brandfläche bedeutet nicht automatisch geringere Emissionen oder Schäden. Ein großer Waldbrand setzt pro Hektar oft mehr Kohlenstoff frei als ein oberflächliches Grasfeuer. Die Schäden können auch größer ausfallen, wenn mehr Menschen und Häuser in gefährdeten Randzonen liegen, obwohl insgesamt weniger Fläche brennt. Eine Studie von 2025 ermittelte für den Zeitraum 2002 bis 2021 einen Rückgang der Brandfläche um 26 Prozent. Die Zahl der Menschen, deren Wohnorte unmittelbar von Bränden erfasst wurden, stieg zugleich um 40 Prozent.

Die globalen Daten passen daher nicht zum verbreiteten Eindruck, der Planet stehe zunehmend in Flammen. Das bedeutet aber auch nicht, dass jede Region denselben Trend zeigt. In borealen Wäldern können Brandflächen und Emissionen zunehmen, während sie in Grasländern sinken. Die scheinbare Diskrepanz entsteht auch durch die Auswahl der Bilder. Ein brennender Pinienwald in Frankreich liefert eine Schlagzeile, eine ungewöhnlich schwache Savannenfeuer-Saison in Afrika findet dagegen kaum Beachtung. So kann Frankreich ein außergewöhnlich schweres Jahr erleben, während Europa oder sogar die gesamte Welt unter dem Durchschnitt bleiben.

Was Attributionsanalysen wirklich berechnen

Kurz nach den Bränden veröffentlichte World Weather Attribution (WWA), an deren öffentlicher Kommunikation die Imperial-College-Forscherin Friederike Otto maßgeblich beteiligt ist, eine Schnellanalyse für Frankreich und Spanien. Demnach seien vergleichbare Feuerwetterbedingungen gegenüber einer vorindustriellen Welt in Südwestfrankreich mindestens doppelt und in Zentralspanien mindestens zwanzigmal wahrscheinlicher geworden. Zahlreiche Medien machten daraus die verkürzte Botschaft, der menschengemachte Klimawandel habe die Feuer verursacht.

Doch die Analyse untersucht weder Zündquellen noch tatsächliche Brandflächen. Sie untersucht einen sogenannten Feuerwetterindex, der aus Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Wind berechnet und über sieben Tage zusammengefasst wird. WWA bezeichnet das Verfahren selbst als „sehr schnelle Analyse“ („super rapid analysis“). Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war die Analyse nicht wissenschaftlich begutachtet. Für ihre Berechnung nimmt WWA an, dass sich die regionalen Feuerwetterbedingungen gleichmäßig mit der globalen Mitteltemperatur verändern. Das Ausmaß der natürlichen Schwankungen bleibt im verwendeten Modell unverändert. Die heutigen Bedingungen werden anschließend mit einer hypothetischen Welt verglichen, die im globalen Mittel 1,4 Grad kühler wäre.

Das ist eine modellgestützte statistische Abschätzung der Feuerwetterbedingungen, keine Messung des menschlichen Einflusses auf einen konkreten Brand. Die Ergebnisse hängen davon ab, welcher Zeitraum, welches Gebiet und welche Wetterbedingungen untersucht werden, wie lang und zuverlässig die verfügbaren Beobachtungsreihen sind und welche statistischen Annahmen – etwa zum Zusammenhang mit der globalen Mitteltemperatur – in die Berechnung einfließen. Wie groß die Unsicherheit sein kann, zeigt das Ergebnis für Frankreich. Die von WWA angegebene Spanne reicht von gut dem Zweifachen bis zu einer statistisch nicht bestimmbaren Obergrenze. Vereinfacht gesagt reicht das Ergebnis von „mindestens doppelt so wahrscheinlich“ bis „nach oben nicht verlässlich einzugrenzen“. Solche Analysen können Hinweise auf einen möglichen Klimaeinfluss liefern, aber keine Gewissheit darüber, um wie viel wahrscheinlicher ein Ereignis geworden ist.

Klima entzündet kein Feuer. Dafür braucht es eine konkrete Zündquelle – etwa einen Blitz, Brandstiftung, Fahrlässigkeit oder einen technischen Defekt. Hitze, Trockenheit und Wind können allerdings beeinflussen, wie schnell sich ein Brand ausbreitet und wie schwer er zu kontrollieren ist. Wann und wo solche Wetterlagen entstehen, hängt wesentlich von natürlichen Luftströmungen und Wettermustern ab. Eine langfristige Erwärmung kann die Bedingungen zusätzlich verändern. Die globale Mitteltemperatur fasst jedoch sehr unterschiedliche regionale Entwicklungen in einer einzigen Zahl zusammen. Wie groß der Anteil der Erwärmung an einer konkreten Feuerwetterlage ist, lässt sich daraus nicht unmittelbar bestimmen.

Was Brände tatsächlich auslöst

Nach Angaben des Gemeinsamen Forschungsdienstes der EU hingen bei den Bränden mit bekannter Ursache in 19 europäischen Ländern 96 Prozent mit menschlichen Aktivitäten zusammen – meist durch Fahrlässigkeit oder Unfälle. Bei fast der Hälfte aller erfassten Fälle blieb die Ursache unbekannt. Die 96 Prozent beziehen sich daher nur auf die Brände, deren Auslöser festgestellt werden konnte. Beim großen spanischen Feuer von Ávila verwies die WWA-Analyse auf den fahrlässigen Einsatz schwerer Maschinen als Auslöser.

In abgelegenen borealen Gebieten spielen dagegen Blitze eine größere Rolle. Das zeigt etwa das Beispiel Kanada. Nach Angaben von Natural Resources Canada verursachen sie dort etwa 46 Prozent der Feuer, aber rund 83 Prozent der jährlich verbrannten Fläche. Viele dieser Brände entstehen fernab von Siedlungen und können sich deshalb über große Gebiete ausbreiten. Die Zahl der Feuer sagt somit noch wenig darüber aus, wie viel Fläche später tatsächlich brennt.

Viele Faktoren, die über Ausbreitung und Stärke eines Brandes entscheiden, lassen sich unmittelbar vor Ort beeinflussen. Kontrollierte Feuer und das Entfernen von Unterholz und Totholz verringern die Menge an Brennmaterial. Brandschneisen, Forstwege und ein größerer Abstand zwischen Vegetation und Häusern können zusätzlich die Ausbreitung begrenzen und die Brandbekämpfung erleichtern. Wo kleinere Feuer über lange Zeit konsequent unterdrückt werden, kann sich dagegen zusätzliches Brennmaterial ansammeln und spätere Brände verstärken.

Eine Studie in Science Advances kam für Nadelwälder zu dem Ergebnis, dass auf Flächen, die in den vorangegangenen Jahren bereits gebrannt hatten, das Risiko späterer besonders intensiver Brände um rund 64 Prozent geringer war. Wie wirksam solche Maßnahmen sind, hängt allerdings vom jeweiligen Ökosystem und den örtlichen Bedingungen ab.

Die Frage, welchen Anteil natürliche Schwankungen und menschliche Einflüsse an regionalen Feuerbedingungen haben, ist wissenschaftlich keineswegs abschließend beantwortet. Problematisch ist jedoch eine Berichterstattung, die jeden Großbrand umgehend als Beleg für eine immer stärker brennende Welt deutet.

Die globalen Daten zeigen nämlich bislang das Gegenteil. Bis Anfang August lag die weltweit verbrannte Fläche auf dem niedrigsten Stand der GWIS-Reihe seit 2012. Auch langfristig ist sie deutlich gesunken. Für eine realistische Einschätzung der Brandgefahr sind deshalb nicht nur mögliche klimatische Einflüsse entscheidend, sondern auch Zündquellen, Landnutzung, Waldpflege und Schutzmaßnahmen vor Ort.