Temperaturrekorde während der Hitzewelle: Wie zuverlässig sind die Messwerte?Der deutsche Temperaturrekord hat eine alte Debatte neu entfacht. Doch wie werden Temperaturen überhaupt gemessen? Und wie zuverlässig sind solche Rekorde? Christof Weber 4. Juli 2026 in der Berliner Zeitung Mit 41,7 Grad wurde am 28. Juni in Neißemünde-Coschen in Brandenburg ein neuer deutscher Temperaturrekord gemessen. Bereits zwei Tage zuvor registrierte der Deutsche Wetterdienst (DWD) 41,3 Grad in Saarbrücken-Burbach, einen Tag später 41,5 Grad in Möckern-Drewitz. Tatsächlich wurden am vergangenen Samstag an mehr als 40 Stationen Temperaturen von über 40 Grad gemessen. Alle Werte gelten zunächst als vorläufig und werden erst nach einer Qualitätskontrolle offiziell bestätigt. Dabei prüft der DWD unter anderem, ob Messfehler oder technische Auffälligkeiten vorliegen. So wurden 2019 in Lingen zunächst 42,6 Grad gemessen. Der Wert wurde später wegen Standortproblemen vom DWD annulliert. Bis 2026 lag der deutsche Temperaturrekord bei 41,2 Grad und wurde an den Stationen Duisburg-Baerl und Tönisvorst gemessen. Der DWD weist allerdings darauf hin, dass einzelne Rekordwerte aus klimatologischer Sicht weniger aussagekräftig seien als die räumliche Ausdehnung einer Hitzewelle. Die Temperaturmessstationen müssen die Standards des DWD erfüllen, die sich an den Richtlinien der Weltorganisation für Meteorologie (WMO, World Meteorological Organization) orientieren. Sie sollen sicherstellen, dass Messungen repräsentativ, vergleichbar und langfristig belastbar sind. Dazu gehören unter anderem Mindestabstände zu Gebäuden, Bäumen oder anderen Hindernissen. Der Abstand muss mindestens zwei- bis viermal so groß sein wie die Höhe des Hindernisses. Messstationen sollen sich auf einer nicht versiegelten, gemähten Rasenfläche befinden und für die jeweilige Umgebung repräsentativ sein. Es dürfen keine Störquellen wie Asphalt oder Klimaanlagen in unmittelbarer Nähe sein. Standardmäßig befinden sich die Sensoren zwei Meter über dem Boden in einer belüfteten Strahlungsschutzhütte, die direkte Sonneneinstrahlung verhindert und gleichzeitig eine ungehinderte Luftströmung ermöglicht. Meteorologisch ist die Lufttemperatur definiert als Temperatur der Luft im Schatten. Ausgelöst wurde die Diskussion vor allem durch die Messstation Saarbrücken-Burbach. Sie befindet sich auf dem Gelände einer Kläranlage innerhalb eines Industriegebiets. Ein Blick auf Luftbilder mit Google Maps zeigt versiegelte Flächen, Straßen und mögliche lokale Wärmequellen in der Umgebung. Gleichzeitig befindet sich der eigentliche Temperatursensor auf einer freien Grasfläche. Ob die unmittelbare Umgebung den Messwert in relevantem Ausmaß beeinflusst, lässt sich anhand der verfügbaren Informationen nicht mit Sicherheit beurteilen. Die drei höchsten während der Hitzewelle gemessenen Temperaturen stammen von Stationen, die sich hinsichtlich ihrer Umgebung, Höhenlage und geografischen Lage unterscheiden.
Aus Luftbildern allein lässt sich allerdings nicht beurteilen, ob eine Wetterstation den Qualitätsanforderungen des DWD oder der WMO entspricht. Dafür spielen unter anderem Sensorhöhe, Belüftung und das unmittelbare Umfeld eine Rolle. Keine der drei Rekordstationen verfügt über eine eigene Messreihe, die mehrere Jahrzehnte oder gar über hundert Jahre zurückreicht. Für den Vergleich mit früheren Rekorden nutzt der DWD deshalb das gesamte Messnetz sowie historische Daten. Alle drei sind moderne automatische DWD-Stationen mit standardisierten Sensoren, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer Lage und ihres Umfelds. Saarbrücken-Burbach: Die Station befindet sich auf einer Wiesenfläche innerhalb eines Industriegebiets nahe einer Straße und einer Kläranlage. Versiegelte Flächen können sich bei Sonneneinstrahlung stark aufheizen und lokale Wärmeinseln begünstigen. Ob dies den Rekordwert messbar beeinflusst hat, lässt sich anhand von Luftbildern allein jedoch nicht beurteilen. Möckern-Drewitz: Die Station liegt am Ortsrand in überwiegend landwirtschaftlich geprägter Umgebung. Hindernisse spielen dort kaum eine Rolle. Trockene oder abgeerntete Böden können im Hochsommer wegen der geringen Verdunstung hohe Lufttemperaturen begünstigen. Auch die vergleichsweise niedrige Höhenlage kann Extremtemperaturen fördern. Neißemünde-Coschen: Die Station befindet sich in niedriger Lage nahe der deutsch-polnischen Grenze. Neben der geringen Höhenlage könnten auch das stärker kontinental geprägte Klima Ostdeutschlands sowie trockene Sandböden dazu beitragen, dass dort besonders hohe Temperaturen erreicht werden. Einfluss des StandortsDer Einfluss des Messortes zeigt sich sehr gut am sogenannten urbanen Wärmeinsel-Effekt, der auch in der Klimaforschung offen diskutiert wird. Städte erwärmen sich aufgrund von Asphalt, Beton und dichter Bebauung stärker als ihr Umland und geben die gespeicherte Wärme vor allem nachts langsamer wieder ab. Dadurch können die Temperaturen gegenüber dem Umland um 10 bis 15 Grad höher liegen. Deshalb spielt der Wärmeinsel-Effekt auch bei der Bewertung von Temperaturmessungen eine wichtige Rolle. Der DWD berücksichtigt den Wärmeinsel-Effekt durch die sogenannte Homogenisierung von Klimazeitreihen, also durch statistische und mathematische Verfahren zur Bereinigung der Daten. In der Fachliteratur wird allerdings diskutiert, ob diese Verfahren lokale Urbanisierungseinflüsse vollständig erfassen können. Der DWD weist darauf hin, dass kurzfristige lokale Wärmequellen aufgrund der Standortwahl sowie der Qualitätskontrollen für offizielle Rekordwerte praktisch ausgeschlossen seien. Hinweise darauf, wie stark der Wärmeinsel-Effekt Temperaturmessungen beeinflussen kann, liefert auch eine US-Studie aus dem Jahr 2025. Sie fand in Rohdaten einen messbaren Wärmeinsel-Effekt. Während ländliche Stationen nur geringe Beiträge aufwiesen, ließen sich bei städtischen und vorstädtischen Stationen deutlich größere Anteile des gemessenen Erwärmungstrends auf den Wärmeinsel-Effekt zurückführen. Die Autoren untersuchten dabei ausdrücklich Rohdaten und nicht bereits homogenisierte Klimadatensätze. Auf bereits homogenisierte Datensätze lassen sich diese Ergebnisse allerdings nicht ohne Weiteres übertragen. Die Studie nutzt die Bevölkerungsdichte als Näherungsgröße für den Grad der Urbanisierung. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass dadurch der tatsächliche Wärmeinsel-Effekt sogar unterschätzt werden könnte, da zusätzliche Versiegelung oder Bebauung auch ohne stark steigende Bevölkerungsdichte zu einer Erwärmung beitragen können. Eine 2023 im Journal of Applied Meteorology and Climatology veröffentlichte Studie untersucht das Problem des sogenannten „Urban Blending“ (Studie). Demnach könnten Urbanisierungseinflüsse benachbarter Stationen unbeabsichtigt in homogenisierte Datensätze übertragen werden. Die Autoren schlagen deshalb Verbesserungen der Verfahren vor, stellen die Homogenisierung als solche jedoch nicht infrage. Vergleichbarkeit von RekordenNicht nur die Standorte von Wetterstationen haben sich verändert. Auch die Messtechnik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt. Während früher Flüssigkeitsthermometer üblich waren, kommen heute überwiegend elektronische Platin-Widerstandssensoren zum Einsatz. Sie messen kontinuierlich, arbeiten genauer und liefern ihre Daten automatisch. Kritiker fragen deshalb, ob Temperaturrekorde aus verschiedenen Jahrzehnten unmittelbar vergleichbar sind. Sie argumentieren, moderne Sensoren könnten kurzzeitige Temperaturspitzen präziser erfassen und dadurch vereinzelt höhere Maximalwerte registrieren als frühere Messinstrumente. Wetterdienste verweisen dagegen auf standardisierte Messverfahren sowie Homogenisierungsverfahren, mit denen gerätebedingte Unterschiede und andere Brüche in langen Messreihen statistisch berücksichtigt werden. Ein häufig geäußerter Einwand lautet, moderne elektronische Sensoren würden höhere Temperaturen messen als frühere Flüssigkeitsthermometer. Der Deutsche Wetterdienst widerspricht dem. Nach Angaben des DWD seien beide Messsysteme über mehrere Jahre parallel betrieben worden. Dabei habe sich keine systematische Änderung der Messwerte ergeben. Die Ergebnisse der Auswertungen sind auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu finden. Ob ein Rekord „seit Messbeginn“ gilt, hängt davon ab, auf welche Messreihe sich die Aussage bezieht. Auch der gewählte Vergleichszeitraum spielt eine Rolle. Aussagen wie „so heiß war es noch nie“ hängen davon ab, wie weit die Messreihen zurückreichen und welche Stationen betrachtet werden. Ein Rekord beweist wenigEin weiterer Punkt betrifft die Interpretation solcher Rekorde. Einerseits beweist die Tatsache, dass die Aussagekraft einzelner Messwerte infrage gestellt wird, nicht, dass langfristige Temperaturtrends falsch sind. Andererseits sind aktuelle Temperaturrekorde kein Beweis dafür, dass eine Hitzewelle dem menschlichen Einfluss zuzuschreiben ist. Ein neuer Temperaturrekord allein sagt zunächst nichts darüber aus, wodurch eine Hitzewelle verursacht wurde. Er zeigt lediglich, dass ein neuer Höchstwert gemessen wurde. Die Debatte um einzelne Temperaturrekorde macht deutlich, dass mehrere Fragestellungen voneinander getrennt betrachtet werden sollten. Die Qualität einzelner Messstationen, der urbane Wärmeinsel-Effekt, die Vergleichbarkeit historischer Messungen und die Ursachen einer Hitzewelle sind unterschiedliche wissenschaftliche Fragen. Dass Messstandorte überprüft und Messreihen qualitätsgesichert werden, gehört zum wissenschaftlichen Standard. Gleichzeitig sind Fragen nach der Vergleichbarkeit historischer Rekorde oder danach, wie aussagekräftig einzelne Messstationen sind, legitim und verdienen eine transparente Antwort. |