Rekordhitze: Wie viel menschlicher Einfluss steckt wirklich dahinter?Bis zu vier Grad soll der Klimawandel zur Junihitze beigetragen haben, meldeten Forscher. Doch die Studien sagen weniger, als die Schlagzeilen behaupten. Von Christof Weber | 12. Juli 2026 in der Berliner Zeitung Zentraleuropa wurde im Juni zum Schauplatz einer ungewöhnlich frühen und starken Hitzewelle. Von Spanien über Frankreich und Deutschland bis nach Österreich fielen reihenweise Juni-Temperaturrekorde. In Deutschland wurden beispielsweise bis zu 41,8 Grad gemessen. Ein Mitschuldiger an den hohen Temperaturen war schnell ausgemacht: der Mensch. Die Welt, der ORF) und viele andere Medien berichteten unter Berufung auf eine Pressemitteilung des französischen Projekts ClimaMeter, die Hitzewelle wäre ohne den menschengemachten Klimawandel nicht so heiß gewesen, natürliche Schwankungen hätten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. In einzelnen Regionen habe die Erderwärmung bis zu vier Grad hinzugefügt. Die zugrunde liegende Pressemitteilung der Forscher um Davide Faranda klang ähnlich eindeutig. Der menschengemachte Klimawandel habe die Rekordhitze „signifikant verstärkt“. Ohne den Menschen wäre es ebenfalls warm gewesen, doch: „Es wäre nicht dieselbe Hitzewelle gewesen.“ Der spätere finale Bericht fällt vorsichtiger aus. Er beschreibt das Ereignis ausdrücklich als Kombination aus natürlicher Klimavariabilität und menschengemachter Hintergrunderwärmung. Doch wie lässt sich der Einfluss des Menschen auf eine einzelne Hitzewelle überhaupt bestimmen? Eine gewöhnliche WetterlageMeteorologisch war die Lage wenig außergewöhnlich. Ein blockierendes Hoch lag zwischen zwei Tiefdruckgebieten, zusammen bilden sie die Form des griechischen Buchstabens Omega. Deshalb spricht man von einer Omega-Lage. Im Bereich des Hochs sinkt Luft ab, erwärmt sich und unterdrückt die Wolkenbildung. Zugleich strömte heiße Luft aus dem Süden nach Westeuropa, und die Sonneneinstrahlung war kurz nach der Sommersonnenwende besonders stark. „Das Wettermuster hinter dieser Hitzewelle ist nicht außergewöhnlich“, erklärte auch ClimaMeter-Forscher Davide Faranda. Ob der Klimawandel solche Blockadelagen verändert, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Eine Studie aus dem Jahr 2018 sieht nur geringe Sicherheit bei Aussagen über ihre künftige Entwicklung. Klimamodelle simulieren überwiegend eine Abnahme solcher Wetterlagen, unterschätzen aber zugleich deren beobachtete Häufigkeit. Damit sind zwei Fragen zu unterscheiden. Was verursachte die konkrete Wetterlage? Und warum ist es bei vergleichbaren Wetterlagen heute heißer? Die Omega-Lage hätte auch unter anderen klimatischen Bedingungen auftreten können, nur bei niedrigeren Temperaturen. Wie groß der menschliche Anteil an diesem Unterschied ist, untersucht die sogenannte Attributionsforschung. „Praktisch unmöglich“ ohne Klimawandel?Zu den bekanntesten Projekten der Attributionsforschung gehört World Weather Attribution, eine am Imperial College London angesiedelte Forschungsinitiative. Der Titel ihres Berichts lässt wenig Zweifel an der Schlussfolgerung: „Emissionen aus fossilen Brennstoffen haben die Hitzewellen in Europa innerhalb weniger Jahrzehnte rapide verschlimmert.“ Nach den Berechnungen wäre eine vergleichbare Hitzewelle im Juni 1976 tagsüber rund 3,5 Grad kühler ausgefallen, im Jahr 2003 rund zwei Grad. Temperaturen wie 2026 seien 1976 praktisch unmöglich gewesen. Die Analyse entstand allerdings früh. Die Hitzewelle war noch nicht abgeschlossen, für die letzten Tage nutzten die Forscher Vorhersagedaten. Auch bei der Frage, wie selten solche Ereignisse sind, warnen die Autoren selbst vor großen Unsicherheiten. Je außergewöhnlicher ein Ereignis, desto schwieriger lässt es sich mit den verwendeten Methoden bewerten. Die Ergebnisse sollten deshalb weder als genaue Wahrscheinlichkeitsangabe noch als Prognose verstanden werden. In der öffentlichen Kommunikation spielten diese Einschränkungen kaum eine Rolle. Gegenüber dem britischen Guardian erklärte der WWA-Forscher Theodore Keeping, das Ereignis wäre im Juni ohne Klimawandel nicht möglich gewesen. Der Guardian spitzte die Aussage in seiner Schlagzeile zu: Die Hitzewelle wäre ohne die „Klimakrise“ unmöglich gewesen. Der Ansatz von World Weather Attribution ist von vornherein auf den menschlichen Einfluss ausgerichtet. Die Forscher fragen nicht allgemein, welche natürlichen und menschlichen Faktoren zu einem Extremereignis beigetragen haben. Untersucht wird gezielt, wie stark der Klimawandel dessen Wahrscheinlichkeit oder Intensität verändert hat. Bis zu vier Grad durch den Menschen?ClimaMeter geht anders vor. Das Projekt sucht in historischen Wetterdaten nach ähnlichen atmosphärischen Situationen und vergleicht Wetterlagen der Jahre 1950 bis 1987 mit jenen von 1988 bis 2025. Die gefundene Temperaturdifferenz spiegelt nach Angaben von Faranda die Veränderung des Hintergrundklimas wider. Für die Juni-Hitzewelle fiel dieser Zuschlag erheblich aus. Für München nannten die Forscher 2,3 Grad, für Frankfurt 1,7 Grad, für Köln 1,6 Grad und für Berlin 1,2 Grad. In Mailand und Saragossa waren es 3,8 beziehungsweise 4 Grad. Der später veröffentlichte finale Bericht kam hingegen auf bis zu 2,5 Grad, allerdings auf Basis anderer räumlicher und zeitlicher Auswertungen. Verbreitet wurde in der frühen öffentlichen Kommunikation vor allem der Wert von bis zu vier Grad. Was die Analyse nicht leisten kannAuf Anfrage zieht Faranda selbst eine wichtige methodische Grenze. Die Analyse zeige, wie viel wärmer eine bestimmte Wettersituation im heutigen Klima im Vergleich zur Vergangenheit geworden sei. Den Beitrag einzelner Einflussfaktoren könne sie nicht bestimmen. Treibhausgase, Aerosole, Landnutzungsänderungen und andere Faktoren werden nicht getrennt erfasst. Im finalen Bericht begründen die Forscher, warum sie den Temperaturunterschied dennoch als menschlichen Einfluss werten. Die untersuchten natürlichen Klimaschwankungen zeigten zwischen den Vergleichszeiträumen keine deutlichen Unterschiede, und die höheren Temperaturen seien über große Gebiete hinweg erkennbar. In der Pressemitteilung heißt es jedoch, ähnliche Wetterlagen führten heute wegen der Treibhausgasemissionen zu zwei bis vier Grad höheren Temperaturen. Genau diesen Anteil kann die Analyse nicht isolieren. Dafür wären nach Angaben von Faranda zusätzliche Modellrechnungen nötig. Auch lokale städtische Wärmeinseleffekte löst die Analyse nicht auf. Die Grenzen der Einteilung sind den Autoren durchaus bewusst. Bereits in der Methodenbeschreibung von 2024 räumen sie ein, dass die Gegenüberstellung von „menschengemachtem Klimawandel“ und „natürlicher Variabilität“ Einflüsse übersehen könne, etwa Landnutzungsänderungen. Die Kategorien seien gewählt worden, um eine „klare und unmittelbare Kommunikation“ zu ermöglichen. Mit „ClimaMeter 2.0“ schlagen die Forscher in einer noch nicht begutachteten Studie inzwischen eine verfeinerte Methode vor, um die natürliche Variabilität genauer zu bewerten. Auf ClimaMonitor, der täglich aktualisierten Plattform des Projekts, wird die Zuordnung zur menschengemachten Erwärmung mit ein bis drei Sternen bewertet, von niedriger bis hoher Sicherheit. Wie sich die Stufen ableiten, ist für Leser nicht unmittelbar erkennbar. Die Aussage, Veränderungen seien wahrscheinlich nicht durch natürliche Schwankungen beeinflusst, findet sich sowohl bei Auswertungen mit einem als auch mit zwei Sternen. Auffällig ist auch, welche Analyse die Medien aufgriffen. Die in der Presseaussendung veröffentlichte Auswertung vom 22. Juni trägt zwei Sterne („moderate confidence“). Die im öffentlichen Archiv verfügbaren Analysen des 21. und 23. Juni, die zur selben Hitzewelle gehörten, sind nur mit einem Stern bewertet. Eine Auswertung des 22. Juni ist im Archiv nicht abrufbar. |