Verursacht die deutsche Klimapolitik mehr Leid als die Hitze?Seit Jahren wird vor Hitze gewarnt. Es gibt Hitzeschutzpläne, Warn-Apps und Empfehlungen zum richtigen Lüften. Doch dabei sucht man ein Wort vergeblich: Klimaanlage. Von Christof Weber | 28. Juni 2026 in der Berliner Zeitung Angesichts der tropischen Temperaturen sehnen sich viele nach Kühlung. Klimaanlagen gelten in Deutschland aber häufig noch immer als verzichtbarer Luxus oder sogar als klimaschädlich. Dabei geht es nicht darum, jede Altbauwohnung auf 20 Grad zu kühlen. Es geht um Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen, Schulen und Wohnungen älterer Menschen – also um Orte, an denen Hitze nicht nur unangenehm, sondern gefährlich werden kann. Gerade deshalb wirkt die deutsche Debatte paradox. Wer vor Hitze warnt, müsste eigentlich auch über Kühlung sprechen. Stattdessen gilt die Klimaanlage hierzulande oft als klimapolitischer Sündenfall – als Symbol für Energieverschwendung. So entsteht ein Hitzeschutz, der sich weniger auf praktische, technische Lösungen als vielmehr auf teils seltsam anmutende Empfehlungen und Verbote stützt. Ideologie vor Hitzeschutz?Klimaanlagen wären ein effektives Mittel zur Kühlung überhitzter Innenräume. In Kombination mit Photovoltaikanlagen würden sie den Stromverbrauch nicht einmal zusätzlich erhöhen. Gerade an sonnigen und heißen Tagen liefern Photovoltaikanlagen besonders viel Strom, genau dann, wenn Klimaanlagen am dringendsten benötigt werden. Vor allem für Pflegeheime, Krankenhäuser, Schulen und Arztpraxen wäre ein Einbau wichtig. Auch Frankreich ringt derzeit mit der Frage, wie Hitzeschutz künftig aussehen soll. Während man dort kurzfristig mit Maßnahmen wie einem Alkoholverbot im Freien reagiert, wird zugleich intensiver über den Ausbau von Klimaanlagen diskutiert. Marine Le Pen forderte zuletzt, Schulen, Krankenhäuser und Altersheime mit Klimaanlagen auszustatten und Hausbesitzern beim Einbau staatliche Prämien zu zahlen. Frankreichs Vorbildfunktion?Auf lange Sicht erscheint diese Forderung vernünftig. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) verbrauchen moderne Klimageräte weniger Strom und sind damit deutlich effizienter als frühere Geräte. In Frankreich kommt der Strom mehrheitlich aus Atomenergie. Damit ist die Kritik wegen zusätzlicher CO2-Emissionen durch Klimaanlagen dort zumindest kein belastbares Argument. Warum setzt Europa beim Hitzeschutz ausgerechnet auf das naheliegendste Mittel so zögerlich? Ein Hauptgrund dürften die hohen Kosten sein. Für Frankreich werden sie auf mehr als 20 Milliarden Euro beziffert. Auch technische Probleme, rechtliche Hürden und Fragen des Denkmalschutzes stehen bislang entgegen. Eine flächendeckende Ausstattung von Gebäuden mit Klimaanlagen würde nicht nur viel Geld kosten, sondern auch lange dauern. Kritiker verweisen außerdem auf die Abwärme von Klimaanlagen sowie auf einen zusätzlichen Strombedarf, der das Stromnetz belasten könnte. Was Studien zeigenDennoch gehören Klimaanlagen zu den wirksamsten technischen Maßnahmen zum Schutz vor extremer Hitze. Umso bemerkenswerter ist, dass sie im Hitzeschutzplan des Bundesministeriums für Gesundheit keine Erwähnung finden, obwohl seit Jahren vor Erwärmung gewarnt wird. Dass Klimaanlagen Leben retten können, legen mehrere Studien nahe. So sank die Sterblichkeit an extrem heißen Tagen in den USA zwischen 1900 und 1959 sowie 1960 und 2004 um rund 80 Prozent. Als Hauptgrund nennen die Autoren die zunehmende Verbreitung von Klimaanlagen in Privathaushalten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie aus Japan, wonach Klimaanlagen die Zahl hitzebedingter Todesfälle deutlich senken können. Dass sich Menschen auch unter extremer Hitze wirksam schützen lassen, zeigen unter anderem die arabischen Golfstaaten, in denen Klimaanlagen längst selbstverständlicher Teil der Infrastruktur sind. Umso widersprüchlicher erscheint, dass Europa gemessen an der Bevölkerung die höchste hitzebedingte Sterberate aufweist, obwohl das Klima hier deutlich gemäßigter ist als in vielen anderen Weltregionen. Zwischen Lüftungstipps und LebenswirklichkeitAuch manche Verhaltenstipps lassen erkennen, wie weit sich Teile der Hitzekommunikation inzwischen von der Lebenswirklichkeit entfernt haben. Dazu gehört die Empfehlung, nur zu lüften, wenn es draußen kühler ist als drinnen. Wer schon einmal mehrere Stunden in einer aufgeheizten Wohnung ohne Ventilator oder Klimaanlage verbracht hat, weiß, dass selbst warme Zugluft oft angenehmer ist als stehende Hitze in Innenräumen. Kürzlich verlautbarte der Stern, Schatten sei das „mächtigere Mittel gegen Hitze“ als Klimaanlagen. Als Beispiel wird dort die amerikanische Stadt Phoenix in Arizona genannt, wo es im Sommer üblicherweise mehrere Wochen lang um die 40 Grad hat. Unerwähnt bleibt allerdings, dass Klimaanlagen dort längst überlebensnotwendig sind. Tatsächlich sind Vermieter dort gesetzlich verpflichtet, Mietwohnungen mit voll funktionsfähigen Kühlsystemen auszustatten. Vahrenholts KritikDer Chemiker und ehemalige SPD-Politiker Fritz Vahrenholt verwies auf X auf sein Interview bei Welt-TV. Statt weiterer Verhaltensregeln sprach er sich für ein Klimaanlagenprogramm für Kitas, Schulen und Altenheime aus. Angesichts eines hohen Solarstromangebots an Hitzetagen erscheine es widersprüchlich, ausgerechnet bei der Kühlung Strom sparen zu wollen. Zugleich kritisierte er, dass die Bundesregierung den Energieverbrauch bis 2030 deutlich senken wolle, obwohl Kühlung in Hitzewellen an Bedeutung gewinne. Vahrenholt führte die jüngste Erwärmung in Europa zudem teilweise auf eine gestiegene Sonneneinstrahlung infolge geringerer Luftverschmutzung zurück. Außerdem erwähnte er, es gebe zehnmal so viele Kälte- wie Hitzetote. Während Kühlung in vielen heißen Regionen der Welt längst als selbstverständlicher Bestandteil des Hitzeschutzes gilt, dreht sich die Debatte in Deutschland auffallend häufig um Verhaltensempfehlungen, Einschränkungen und Verbote. Die Kosten des HitzeschutzesEine zusätzliche Belastung, die mit Hitzewellen einhergeht, sind die Strompreise. Wie das Agrarfachmagazin Agrarheute berichtete, erreichten sie in Deutschland zeitweise Spitzenwerte von bis zu 93 Cent pro Kilowattstunde. Aufgrund der Wetterlage wehte wenig Wind, wodurch weniger Windstrom zur Verfügung stand. Gleichzeitig stieg der Stromverbrauch deutlich an. Hitzewellen erhöhen nicht nur den Kühlbedarf, sondern belasten zugleich das Energiesystem. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Kühlung wichtiger wird, steigen damit auch die Strompreise. Aus einem Gesundheitsproblem droht so zusätzlich ein energiepolitisches Problem zu werden, das viele Haushalte finanziell belastet. Mit häufigeren Hitzewellen stellt sich zunehmend die Frage, welche Rolle Klimaanlagen künftig spielen sollen. Sie ersetzen weder Stadtbegrünung noch Verschattung oder Gebäudesanierung, könnten aber insbesondere für Krankenhäuser, Pflegeheime und Schulen ein wichtiger Bestandteil des Hitzeschutzes werden. Die eigentliche Kontroverse ist dabei nicht die Klimaanlage selbst, sondern die Frage, ob technische Lösungen zur Anpassung an Hitze aus ideologischen Gründen zu wenig Beachtung finden. Wer vor den gesundheitlichen Folgen extremer Hitze warnt, sollte auch offen über die wirksamsten Möglichkeiten sprechen, Menschen vor Hitze zu schützen. Dazu gehören Begrünung, Verschattung und Gebäudesanierung, aber eben auch Klimaanlagen. Die Debatte sollte sich dabei weniger um die Klimaanlage selbst drehen als um die Frage, welche Maßnahmen Menschen bei extremer Hitze am wirksamsten schützen. Werden technische Lösungen aus ideologischen Gründen ausgeblendet und die Energieversorgung zugleich so gestaltet, dass Kühlung immer teurer wird, entsteht zusätzliches Leid, das nicht mehr allein auf die Hitze selbst zurückzuführen ist. |