Ein Stahlwerk in Duisburg. Der Risikobericht empfiehlt, Emissionen weiter zu senken und in der deutschen Industrie auf klimaneutrale Energie zu setzen. © Christoph Reichwein/​dpa

Risiken der Klimakrise

Wie die Klimakrise die deutsche Sicherheit gefährdet

Die Erderwärmung bedroht hiesige Lieferketten, begünstigt Terror und kann Panzer unbrauchbar machen. Wie, das zeigt eine Risikoanalyse, diesmal aus dem Außenministerium.

Von Petra Pinzler
12. Februar 2025, 13:10 Uhr

Wenn Jennifer Morgan am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz spricht, wird das einer der letzten Auftritte der ersten "Sonderbeauftragten für internationale Klimapolitik" sein. Die ehemalige Greenpeace-Chefin war von Annalena Baerbock ins Außenministerium geholt worden. Sie sollte dafür sorgen, dass der Kampf gegen die Klimakrise auch für Diplomaten zum Thema wird: weil die die Interessen des Landes und damit auch die Außenpolitik immer stärker betreffen wird.

Wenn das Eis in Grönland schmilzt, steigt nicht nur der Meeresspiegel, sondern auch territoriale Begehrlichkeiten. © Sean Gallup/​Getty Images

Jetzt, dreieinhalb Jahre später, präsentiert Morgan ein letztes Ergebnis ihrer Arbeit: die Nationale interdisziplinäre Klimarisiko-Einschätzung, kurz Nike. Der Bericht mit dem sperrigen Namen und der blumigen Abkürzung beschreibt auf 66 Seiten, was für politische und ökonomische Folgen die Klimakrise in Zukunft haben wird. Wie sie die Verhältnisse weltweit verändert. Und wie in Deutschland.

Klima als Katalysator für mehr Migration, Terrorismus und territoriale Konflikte

Klima, das wird schnell klar, wird hier nicht als Aufgabe von Windradfreunden und Wärmepumpenfans betrachtet, sondern als eine Dimension – als etwas, das das Leben vieler Menschen in vielfacher Hinsicht verändern wird. Womit sich unweigerlich die Frage stellt, was denn eine vorausschauende Regierung tun müsste, damit Deutschland künftig besser geschützt wird.

"Wir leben in der Klimakrise. Dieser Umstand ist global und national mit erheblichen Sicherheitsrisiken verbunden", beginnt der Bericht, und dann folgt gleich auch schon das Fazit: "Wer Sicherheit denkt, muss Klima mitdenken."

Solche Sätze wären wenig überraschend, hätten ein paar Umweltorganisationen sie aufgeschrieben. Doch für den Nike-Bericht ist der deutsche Auslandsgeheimdienst BND mitverantwortlich, neben drei weiteren Organisationen. Dessen Chef, Bruno Kahl, warnt im Vorwort: "Der BND sieht die Folgen des Klimawandels wie Destabilisierung und Migration neben einem aggressiv-expansiven Russland, weltpolitischen Ambitionen Chinas, zunehmenden Cybergefahren sowie dem weiterhin virulenten internationalen Terrorismus als eine der fünf großen externen Bedrohungen für unser Land."

Was bedeutet das konkret?

Im Bericht taucht eine Vielzahl von möglichen Konfliktfeldern auf, auch bisher weniger bekannte: "Regionen wie die Arktis werden durch Eisfreiheit für die Nordatlantische Vertragsorganisation (Nato) wie für konkurrierende Akteure strategisch relevanter – damit gehen neue sicherheits- und verteidigungspolitische Herausforderungen einher", so der Nike-Bericht.

Grönland taucht zwar hier als Wort nicht auf. Doch das aktuelle Gerangel um die strategisch wichtige Insel ist sicher eine der "Herausforderungen" im Norden, an die man unweigerlich denkt. Wenn das arktische Eis schmilzt, wird die Region für Europa, die USA und Russland strategisch noch interessanter, als sie es heute schon ist. Wegen ihrer Ölvorkommen und Bodenschätze und weil neue Seewege frei würden.

Verteilungskämpfe führen zu Flucht und destabilisieren Staaten

Aber auch im Süden des Globus wird die Klimakrise bereits bestehende Konflikte weiter verstärken. Auch sie können mittelbar oder unmittelbar deutsche Sicherheitsinteressen betreffen. So wird die zunehmende Hitze in vielen Ländern knappe natürliche Ressourcen noch knapper machen. Weil sich Dürren häufen werden, wird die Landwirtschaft weniger Erträge bringen und so der Hunger wachsen. Das wiederum wird Menschen dazu bringen, um Essen und Wasser zu kämpfen, vor den Kämpfen zu flüchten oder auch nur vor der Hitze.

Derzeit steuert die Welt auf einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 2,7 Grad zu – allein das gefährdet das Leben von rund einem Drittel der Weltbevölkerung: So viele Menschen leben in Regionen, die unbewohnbar werden könnten. Jedenfalls wenn der weltweite CO₂-Ausstoß nicht schnell sinkt, worauf wenig hindeutet.

Klimafolgen könnten ganze Regionen destabilisieren

So können Länder zu Brutstätten für Terroristen werden

In Zukunft wird es also weltweit noch deutlich mehr Flüchtende geben als heute schon. Und selbst wenn die meisten nur innerhalb ihrer eigenen Länder migrieren, könnten die Folgen auch anderswo zu spüren sein: Etwa weil überforderte oder gar zusammenbrechende Staaten oft Brutstätten für den Terrorismus sind. "Islamistische Akteure nutzen diese Entwicklungen als Anknüpfungspunkte für islamistische Deutungsmuster und bedienen sich bereits heute teilweise des Klimawandels, um extremistische Narrative zu propagieren", so der Bericht.

Die Klimakrise spielt den Islamisten in die Hände? Leider fehlt es Nike in diesem Fall an weiteren Details – hier hätte man gern mehr gewusst: Wer, wo? Und wann ist das bereits der Fall?

Panzer, Schiffe und Flugzeuge, die heute gebaut werden, müssen mit dem Klima im Jahr 2040 zurechtkommen. © Sean Gallup/​Getty Images

Panzer, die heute gebaut werden, müssen mit den Extremwettern im Jahr 2040 zurechtkommen

Sehr viel konkreter wird hingegen beschrieben, dass die Bundesregierung auch die Verteidigungsfähigkeit neu prüfen muss. Konkret: "Personal, Infrastrukturen und Gerät werden sich zukünftig extremeren klimatischen Anforderungen ausgesetzt sehen. Sensorfunktionen können von extremer Hitze oder Nässe beeinträchtigt werden, ebenso militärische Mobilität und Logistik in den Dimensionen Land, See und Luft, um nur einige Beispiele zu nennen." Das alles sind keine Forderungen, die sich auf die ferne Zukunft beziehen, schon heute müssten sie bei der Beschaffung von Rüstung mitgedacht werden: "Schiffe, Flugzeuge und Kampffahrzeuge, die heute gebaut und geplant werden, werden unter den klimatischen Bedingungen des Jahres 2040 im Einsatz sein."

Fast tröstlich mutet da an, was die Autoren über die Nahrungsmittelsicherheit in Deutschland schreiben. Zwar importieren wir Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte zur Hälfte aus dem Ausland, aber bei Getreide, Kartoffeln, Milch und Fleisch kann sich Deutschland zu über 100 Prozent selbst versorgen – auch wenn die Lieferketten aus anderen Ländern zusammenbrechen. Allerdings auch nur, wenn das Wetter nicht auch hier immer härter zuschlägt. Was leider auch nicht ausgeschlossen ist, denn Deutschland erwärmt sich überdurchschnittlich schnell.

Der "Nike"-Bericht gibt klare Empfehlungen

Statt sich mit der ausführlichen Beschreibung einer wenig rosigen Zukunft zu begnügen, endet der Nike-Bericht mit klaren Empfehlungen. So sind die Autoren überzeugt, dass eine gute Klimapolitik sich nicht auf das eigene Land beschränken darf: "Es ist auch in Deutschlands Interesse, Klimafolgen jenseits seiner Grenzen abzufedern." Ärmeren Ländern dabei zu helfen, sich gegen kommende Krisen besser zu wappnen, sei dabei nicht nur eine Frage der Solidarität. Es nützte indirekt auch uns. Denn je widerstandsfähiger andere Länder sind, desto weniger werden beispielsweise Lieferketten zusammenbrechen. Was für ein exportorientiertes Land wie Deutschland von großer Bedeutung ist.

Zusätzlich empfiehlt Nike weiter eine aktive Rolle in der internationalen Klimapolitik. Die meisten Sicherheitsrisiken der Klimakrise seien letztlich eine "Funktion der weltweiten Emissionen", deswegen lohne es sich auch künftig, weltweit nach Verbündeten beim Einsparen von CO₂ zu suchen. Oder wie Außenministerin Baerbock im Vorwort schreibt: "Jeder Zehntelgrad Erderwärmung weniger macht unser Leben sicherer."

Und dann ist da nicht zuletzt noch die Sache mit dem Gas. Der Abschied von den fossilen Energieträgern und den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen, ist laut Nike nicht nur gut fürs Klima. Ein sinkender Bedarf an Öl und Gas werde die deutsche Sicherheit auch "durch geringere Abhängigkeiten stärken" und "staatliche Akteure mit revisionistischen und aggressiven Zielen, die ihre Macht aus fossilen Exporten schöpfen, von Einkommensquellen abschneiden", so Nike. Auch Russland wird nicht namentlich im Bericht erwähnt, steht aber hier dick zwischen den Zeilen.

Was die Erkenntnisse konkret für die Politik der nächsten Jahre bedeuten? Allein hier halten sich die Autoren sehr bedeckt. Es sei Aufgabe der Bundesregierung, aus dem Bericht "informierte Handlungsentscheidungen abzuleiten". Ob, wie und wann die nächste Regierung das tun wird, ist also eine andere Geschichte.


Hier die besten Kommentare:

JohannMoebius

Was ist denn dieser Artikel für eine Ansammlung von Pseudoargumenten - bis hin zur Lächerlichkeit:

Natürlich ist ein Panzer falsch konzipiert, wenn er nicht mit zwei Grad wärmerem Wetter zurecht kommt. Aber das ist unabhängig von jeder Klimapolitik. Und natürlich führen sich ändernde Lebensbedingungen ebenso wie das Bevölkerungswachstum (dort wo es noch stattfindet) zu einem Migrationsdruck. Da spielen auch klimatische Änderungen eine Rolle, aber das ist nur ein Effekt von sehr vielen - die Klimaänderung bei weitem nicht das wichtigste. Die Million Ukrainer ist nicht in Deutschland, weil daheim die Temperaturen zu hoch sind.

Wenn dieser Artikel typisch für die intellektuelle Tiefe unserer aktuellen Politik ist, dann wird es allerhöchste Zeit daran etwas zu ändern.

Vierzon91

"Die Erderwärmung bedroht hiesige Lieferketten, begünstigt Terror und kann Panzer unbrauchbar machen."

Unbrauchbare Panzer? Die Argumente um das Klimathema wieder in den Wahlkampf zu hieven werden auch immer skurriler.

Zeitler 2000

Ich frage mich wirklich wer sich das immer bierernst hinsetzen kann und uns die Welt in 20, 40 oder 100 Jahren erklärt, und wie man es schaffen kann da nicht selber sofort vor lachen vom Stuhl zu fallen...