Der Sangesur-Korridor

Eine Handelsroute soll die Türkei und den Südkaukasus mit Asien verbinden

Von Stephan Ossenkopp | 13. Dezember 2024

Der Südkaukasus, eine geopolitisch besonders unruhige Region, wird wohl eine weitere wichtige West-Ost-Handelsroute erhalten. Es handelt sich um den bis dato eher umstrittenen Sangesur-Korridor, der die Türkei direkt mit dem Hafen der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer verbinden würde. Damit würde der so genannte Mittlere Korridor der Neuen Seidenstraße um ein bedeutendes Stück leistungsfähiger. Der türkische Verkehrs- und Infrastrukturminister Abdulkadir Uraloğlu stellte jedenfalls den Bau auf türkischer Seite im Rahmen seiner Haushaltsberechnungen Ende November 2024 in Aussicht. Die Strecke von der osttürkischen Stadt Kars, die bisher nördlich über die georgische Hauptstadt Tiflis mit Baku verbunden ist, würde dann über eine weitaus kürzere Verbindung nach Baku führen. Die Türkei umgeht bislang ihren östlichen Nachbarn Armenien, mit dem sie ein angespanntes Verhältnis und keine vollen diplomatischen Beziehungen unterhält. Es gibt jedoch Anzeichen für ein Tauwetter. Der Sangesur-Korridor würde durch die zu Armenien gehörende Region Sjunik verlaufen. Sollte es hier zu einer Einigung kommen, wäre eine weitere Annäherung zum beiderseitigen Vorteil denkbar. Die Türkei scheint nun den Bau ihres Abschnitts in Angriff nehmen zu wollen. Dies ist auch Teil ihrer Strategie, die Türkei zu einer zentralen Drehscheibe für den eurasischen Güterverkehr zu machen.

Die Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan sind ebenfalls hoch wegen der Konfliktregion Berg-Karabach. Könnte der Sangesur-Korridor auch hier zu Annäherung und Kooperation führen? Die Analyseplattform Modern Diplomacy schrieb dazu bereits Anfang des Jahres: „Die Eröffnung des Sangesur-Korridors, einer Transportroute, die das aserbaidschanische Festland über armenisches Territorium mit seiner Enklave Nachitschewan verbindet, kann die Wahrscheinlichkeit eines stabilen Friedens im Südkaukasus erhöhen. Das Hauptargument ist einfach: Dank des Sangesur-Korridors haben Aserbaidschan und Armenien die Möglichkeit, sich an einem gemeinsamen Projekt zu beteiligen, das die Wahrscheinlichkeit erneuter Feindseligkeiten verringert. [...] Wenn sich Aserbaidschan und Armenien auf die Öffnung des Sangesur-Korridors einigen, wird Jerewan an diesem Projekt teilnehmen und sich einen Platz in der internationalen Handels- und Transportarchitektur sichern. Folglich wird der Warentransit durch den Sangesur-Korridor den Handel durch die Senkung der Transitkosten und die Verkürzung der Transitzeit erheblich rationalisieren."

Der mittlere Korridor einschließlich des Sangesur-Korridors in roter Farbe (selbst hinzugefügte ungefähre Zeichnung)

Der Kaukasus ist seit der Antike Schauplatz von Auseinandersetzungen. Dem Geschichtsschreiber Herodot zufolge sollen sich hier bereits Griechen und Perser die Köpfe eingeschlagen haben. In späteren Jahrhunderten hinterließen russisch-persische und russisch-türkische Konflikte ihre Spuren. Der Anspruch der christlichen Armenier auf Berg-Karabach wird damit begründet, dass die Region seit dem Mittelalter mehrheitlich von Armeniern bewohnt war. Seit dem Einfall der Seldschuken im 14. Jahrhundert siedelten sich aber auch muslimische Turkvölker in der Region an und bildeten zum Teil die ethnische Mehrheit. Nicht zuletzt kämpften auch die Osmanen, die Vorfahren der heutigen Türken, um die Vorherrschaft im Südkaukasus. Nach der kommunistischen Revolution 1917 wurden die Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan gegründet und das von beiden beanspruchte Gebiet Berg-Karabach zwischen ihnen aufgeteilt. Als die Sowjetunion 1991 zerfiel, brach zwischen den beiden nun unabhängigen Staaten ein Krieg aus, der 1992-94 wütete und zehntausende Menschenleben forderte. Zwar konnte 1994 ein Waffenstillstandsabkommen ausgehandelt werden, doch der seit nunmehr 25 Jahren schwelende Konflikt brach in jüngster Zeit - in den Jahren 2020 und 2023 - wieder aus.



Stephan Ossenkopp, Jahrgang 1969, studierte in Hildesheim Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Literaturwissenschaft und Journalistik. Er arbeitete zunächst für den Intro Verlag in Köln, später als freier Journalist. Heute kommentiert er regelmäßig die europäisch-chinesischen Beziehungen, unter anderem für China Daily und Russia Today, verfasst auch Beiträge in den Nachdenkseiten und bei apolut. Über sein Lieblingsthema, die Entstehung einer multipolaren Welt, publiziert er in seinem eigenen Blog. Er engagiert sich außerdem in der Bürgerrechtsbewegung Solidarität“ (BüSo).