Mordsache MH17 COMPACT+

Letzte Ehre für die Toten: Die Opfer des Abschusses von MH17 bei der Ankunft in den Niederlanden. Foto: Verteidigungsministerium Niederlande CC BY SA 3.0

17. Juli, im Osten der Ukraine: Ein abgeschossenes Flugzeug, 298 Tote. Bilder des Grauens. Sofortige Schuldzuweisung an die prorussischen Rebellen oder gleich direkt an die Adresse Mos­kaus. Doch welche kri­mi­na­li­sti­schen Erkennt­nisse lie­fern Ama­teur­vi­deos, Flug­zeug­trümmer und die Aussagen von Zeugen und Experten? Ein Faktencheck.

_ von Wolfgang Eggert

Der wichtigste Beweis — Beweis? — für die Schuld der russischen Separatisten kommt ausgerechnet vom ukrainischen Geheimdienst SBU: Es soll sich um ein abgehörtes Telefongespräch zwischen russischen Militärs und ukrainischen Rebellen handeln, in dem sich beide Seiten nach dem Absturz von MH17 darüber unterhalten, dass sie das «falsche» Flugzeug vom Himmel geholt haben. Auf den ersten Blick erscheinen die drei «Bekennermitschnitte», die Kiew in der Nacht vom 17. auf den 18. Juli als YouTube-Video ins Internet stellte, durchaus entlarvend. Doch wagen wir einen zweiten Blick.

Indiz 1: Telefonmitschnitte

Moskau wies sofort darauf hin, dass Tonbandspektralanalysen bereits technisch/akustisch zeigten, dass die überlieferte Kommunikationen aus zusammenhanglosen Fragmenten bestehe. Offenkundig seien sie aus Gesprächen über andere Abschüsse zusammengeschnitten worden. Im ersten Gespräch reagierte «der russische Geheimdienstgeneral Geranin» auf die gut vernehmliche Aussage des Rebellenführers Besler «Wir haben ein Flugzeug abgeschossen» mit «Flieger? Wo sind die Flieger?», was im direkten Zusammenhang keinen Sinn ergibt. Von einer Zivilmaschine ist hier nicht die Rede, wohl aber vom Absturzort Enakievo — das Gespräch dürfte also vom 16. Juli stammen, als die Rebellen genau dort ein ukrainisches Militärflugzeug Suchoi-25 abschossen, was die Rückfrage nach Kampfpiloten — in diesem Fall die einzige Besatzung — wesentlich plausibler erscheinen lässt. Im dritten Telefonat mutmaßt der russische Kosakenführer Kozitsyn, dass die Gegenseite mit dem «Flugzeug Spione gebracht» habe — was nur in einer langsam und tief fliegenden Transportmaschine durch Fallschirmabsprung denkbar gewesen wäre. Sein Gesprächspartner scheint hineingeschnitten zu sein. Die Teilnehmer des zweiten Mitschnitts sind komplett anonym, wodurch dieses Gespräch leicht fälschbar war. Selbst der Focus ist skeptisch: «Unklar bleibt, ob diese Funksprüche tatsächlich so stattgefunden haben und ob die Gesprächspartner tatsächlich die genannten sind. (…) Derzeit gibt es noch keine Anhaltspunkte, die die Funksprüche einerseits verifizieren oder andererseits als gezielte Manipulation entlarven könnten.»

Für «Bild» steht der Täter schon vor Beginn
der Untersuchungen fest. Foto: COMPACT

Einen schweren Schlag gegen den sogenannten Telefonbeweis liefert das Anmeldungsscript eines dieser immer identischen YouTube-Videos. Dort findet sich in der Betreffzeile «Creation Time», also «Zeitpunkt der Erstellung» des Videos, das Datum 16. Juli, 19:10 Uhr. Demnach wurde das «russische Bekenntnis» zum Abschuss der MH17 bereits einen Tag vor dem eigentlichen Ereignis angefertigt

Indiz 2: Videos in Westmedien

Was zum Beispiel CNN und LifeLeak als angeblichen Raketenabschuss der MH17 präsentierten, wurde schon am 6. Juni 2014 auf YouTube hochgeladen. Auch die Bild-Zeitung offerierte vom Abschussmoment Fake-Footage, welches dem Blatt durch den ukrainischen Geheimdienst zur Verfügung gestellt worden war.

Der US-Fernsehsender MSNBC interviewte den amerikanischen Unteroffizier Michael Boyd per Telefon, der sich angeblich am 17. Juli in der US-Botschaft in Kiew aufhielt. Seine Beschreibung: «Ich schaute aus dem Fenster und sah ein Projektil in den Himmel fliegen. Es schien, dass das Flugzeug abgeschossen wurde (…).» Als die Reporterin nach seiner Militärausbildung fragte und ob er nähere Angaben machen könnte, von welchem System die Rakete abgefeuert worden sein könnte, antwortete dieser, sie sei eine dumme Kuh: «Well you’re a dumbass aren’t ya?» Das Interview wurde abgebrochen. In der Tat muss die Gesamtredaktion von MSNBC als Kuhstall bezeichnet werden, da sie ernsthaft einen Zeugen aufbot, der das Geschehen von einem 680 Kilometer entfernten Ort beobachtet haben wollte

Startende Boden-Luft-Rakete einer Buk-Luftabwehrbatterie. Foto: Unbekannt

CNN zeigte sich schon vorher betrugsverdächtig: Am 29. Mai 2014 brachte der US-Sender ein Video, das den Abschuss eines ukrainischen Helikopters durch russische Separatisten dokumentieren sollte. In Vorwegnahme der aktuellen Ereignisse wurden die Milizen in dem Beitrag als «terroristisch» bezeichnet. Problem: Die Aufnahme stammt aus dem Syrienkrieg.

Indiz 3: Buk-Raketenwerfer

Dass die prorussischen Separatisten bis zum Tag des Abschusses keine Raketenwerfer des Typs Buk hatten, der mit seiner Reichweite von mehr als 20 Kilometer auch höher fliegende Maschinen wie die MH17 treffen kann, legen sogar höchstrangige Quellen aus Kiew nahe! Der ukrainische Generalstaatsanwalt Vitaly Yarema persönlich sagte in einem Interview für die Zeitung Ukrainskaja Prawda: «Nachdem die Passagiermaschine abstürzte, hat das Militär dem Präsidenten berichtet, dass die Terroristen nicht unsere Luftabwehrraketensysteme Buk und S-300 Boden-Luft-Raketen haben.» Und weiter: «Solche Waffen wurden nicht von ihnen erbeutet.»

Die Aussage Yaremas ließ eine Hintertür zu der Spekulation offen, die Rebellen könnten das fragliche Gerät heimlich von der russischen Armee erhalten haben. Aber selbst hochrangige US-Militärvertreter säen Zweifel an diesem kleinen Grenzverkehr. So zitierte die Washington Post den amerikanischen Kommandeur der europäischen NATO-Verbände, Air Force General Philip M. Breedlove, der im Juni gesagt hatte: «Wir haben noch nicht eines der Luftverteidigungsfahrzeuge die Grenze überqueren sehen.» Konteradmiral John Kirby, immerhin der Sprecher des Verteidigungsministeriums, ergänzte am 18. Juli, «dass Abwehr-Bedienstete keine spezifischen Belege dafür hätten, dass ein SA-11 Buk Boden-Luft-Raketensystem über die russischen Grenzen in die Ukraine verschoben wurde».

Eine australische Zeitung brachte den Abschuss
durch ein Militärflugzeug auf die Titelseite.
Foto: COMPACT

Dagegen soll ein von der Kiewer Regierung verbreitetes Video sprechen, in dem angeblich die pro-russischen Rebellen ein Buk-System zur russischen Grenze schaffen, um sozusagen die Tatwaffe zu beseitigen. Laut Anton Geraschenko, Berater des ukrainischen Innenministers, wurde das Video von Agenten des ukrainischen Geheimdienstes am frühen Morgen des Tages nach dem Abschuss (18. Juli) aufgenommen. Auf der Abschusseinheit sollen zwei Raketen fehlen. Dazu Geraschenko: «Es waren exakt diese Raketen, welche den 300 unschuldigen Passagieren den Tod brachten.»

Dagegen spricht, dass Ortsansässige an topografischen Besonderheiten (Häusern, Bäumen, Laternen, Schildern und einem großflächigen Werbeplakat nebst lokaler Adresse) ihren Ort wiedererkannten und bezeugten: Die Aufnahme wurde nicht in dem Gebiet, das von den Rebellen kontrolliert wird, nämlich in Krasnodon nahe der russischen Grenze, gemacht — sondern in der Gorki-Straße von Krasnoarmiysk, das seit dem 11. Mai vom Militär des Regimes in Kiew kontrolliert wird. Was man also auf den Aufnahmen tatsächlich sieht, ist die Verlagerung eines Buk-Raketentransporters der ukrainischen Armee, nicht einmal 24 Stunden nach dem Abschuss von MH17, 60 Kilometer vom Absturzort entfernt. Peinliche Sache!

Das russische Verteidigungsministerium zeigte auf einer Pressekonferenz Ende Juli Satellitenaufnahmen, wonach die ukrainische Armee im Raum der umkämpften Millionenmetropole Donezk insgesamt nicht weniger als 27 Raketensysteme vom Typ Buk in Stellung gebracht hatte.

Wurde MH17 überhaupt von einer Rakete getroffen?

Interessanterweise besitzen die prorussischen Rebellen gar keine Flugzeuge, geschweige denn eine Luftwaffe. Wofür brauchen die ukrainischen Regierungstruppen dann die Luftverteidigungsraketen, gerade in diesem Gebiet?

Indiz 4: Kampfjet Suchoi-25

Luftaufnahmen des russischen Verteidigungsministe-
riums mit Buk-Raketenstellungen der ukraini-
schen Armee bei Donezk. Foto: Russische Armee

Radar-, Infrarot- oder optische Überwachungsdaten, die den Abschuss einer Rakete aus einer Buk-Batterie zeigen, wurden bisher von keiner Seite präsentiert. Die Russen haben, nicht ohne eine gewisse Art von Sarkasmus, sogar den betreffenden US-Satelliten genannt, der alles mitgefilmt haben müsste

Wurde MH17 überhaupt von einer Rakete getroffen? Hätte die Maschine dann nicht in sehr viel mehr kleine und kleinste Teile zerbrechen müssen, als es nach den Trümmerfotos der Fall war? Eine andere Möglichkeit präsentierte Generalleutnant Andrej Kartopolow vom russischen Generalstab am 21. Juli: Demnach soll ein ukrainischer Kampfjet am 17. Juli in der Nähe der Unglücksmaschine gewesen sein, ein Abfangjäger vom Typ Suchoi-25. «Die Entfernung der Suchoi-25 zur Boeing lag zwischen drei und fünf Kilometern», sagte Kartopolow. Das ergebe sich aus Aufzeichnungen der russischen Flugüberwachung. So ein Kampfjet sei mit Luft-Luft-Raketen bewaffnet, der auf diese Entfernung ein Ziel hundertprozentig zerstören könne. Ukrainische Angaben, wonach keine Kampfflugzeuge in der Luft gewesen waren, seien falsch.

12 Fragen zu MH17

Am 21. Juli präsentierte der russische Generalstab einen Fragenkatalog an Kiew, um die Absturzursache von MH17 aufzuklären:

 

•   Warum verließ MH17 den Luftkorridor für internationale Flüge?

•   War das Abweichen vom Luftkorridor ein Navigationsfehler oder folgte die Crew den Anweisungen der ukrainischen Bodenkontrolle in Dnepropetrovsk?

•   Warum wurde eine große Anzahl von Flugabwehrsystemen in der Nähe des Rebellengebietes aufgestellt, obwohl die Rebellen keine Flugzeuge haben?

•   Warum hat Kiew unmittelbar vor der Tragödie Buk-Raketenwerfer in unmittelbarer Nähe zu den Rebellengebieten aufgestellt?

•   Am Tag des Absturzes hat Kiew das Radarsystem Kupol-M1 9S18 aktiviert, ein Schlüsselelement der Buk-Stellungen. Warum?

•   Warum war ein Militärjet auf einer Flugroute, die Passagiermaschinen vorbehalten war?

•   Warum flog der Militärjet so nahe an MH17 heran?

•   Woher kam der Buk-Raketenwerfer auf dem Video, das westliche Medien verbreiten?

•   Da das Video auf dem Territorium gedreht wurde, das von Kiew kontrolliert wurde:
Wohin wurde der Raketenwerfer transportiert?

•   Wo ist der Buk-Raketenwerfer jetzt?

•   Wo sind die fehlenden Raketen auf dem Raketenwerfer?

•   Warum haben die US-Behörden keinen Beweis dafür veröffentlicht, dass MH17 von einer Rakete der Rebellen abgeschossen wurde?

Bis Redaktionsschluss ergab die Untersuchung der Blackbox beziehungsweise des Flugschreibers übrigens keinen weiteren Aufschluss über den Hergang des Abschusses. Die prorussischen Rebellen hatten die Geräte bereits nach wenigen Tagen an Malaysia übergeben, von wo sie in die Niederlande und von dort zur Untersuchung nach Großbritannien weitergeleitet wurden. Den Haag bestätigte, dass die Aufzeichnungen nicht manipuliert wurden. Dass von der traditionell antirussischen Regierung in London bislang keine antirussischen Befunde mitgeteilt wurden, deutet darauf hin, dass es keine gibt.

Dieser Artikel erschien im COMPACT-Magazin 09/2014.